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Freitag, 23. Januar 2026

Die Rosa Poetica.


Die Rose ist schön, sie duftet, sie ist vergänglich und sie kann stechen. Voilà: die Zutaten für eine feine Sauce auf einer unüberschaubar langen Speisekarte der poetischen Küche der Niederlande. 
Zunächst einige Beispiele, an denen ich mich schon mal versucht habe:


Jonker Jan van der Noot wollte mit Schönheit und Zerbrechlichkeit verführen:                                                                ...

Ode

Es war April, als Flora sich daran gemacht
Das Erdreich lieblich zu verschönern
Mit neu gewachs'ner Blumenpracht,
Als ich sie ansprach, meine ersehnte Schöne.

Liebste, sprach ich, schauen wir die Rose an
Die heute früh sich auf das herrlichste entfaltet hat.
Wir standen an der Stelle eine Zeitlang
Und suchten wo das Röslein sich verborgen hat.

Wir fanden keine Rose mehr, allein
Die Blütenblätter, alle abgefallen,
Beraubt all ihrer schönen, reinen
Farben, womit sie morgens uns gefallen.

Ach Liebste, sprach ich, ist's nicht schade,
Dass diese schöne Blume ist so schnell dahingefallen
Bevor einem erwiesen wurd' die Gnade
Sich zu erfreuen ihres Dufts, das Köstlichste von allem?

Oh ja, sprach sie, schön war die Blume, wirklich.
Deswegen, Liebste, sieh doch wie schnell es geht.
Erlaube, Liebste, dass ich Dich inniglich 
barmherzig nenne, in Ehren, früh und spät.

Nutze die Zeit, um die es geht,
Es ist die schönste Zeit deines Bestehens,
Auf dass es dir auch nicht ergeht,
Wie mit der Blume ist geschehen.


Pieter Cornelis Boutens  kontrastiert die Schönheit der Rose mit der Lächerlichkeit einer Statue in "Rosengarten, Berlijn":
                                                                                                                  
Rosengarten
Berlin

1910

Ich habe etwas beinah schönes angeschaut
Hier, wo die Jagd der Oberflächlichkeit
Alles schöne feil für Gold
Besitzen will, und so entweiht -
Ich habe etwas beinah schönes angeschaut:
Im vom Verkehr umsummten Park
Abseits von seinen Asphaltwegen,
Wie in einer Straße eine zugebaute Kirche,
Fand ich den Rosengarten ich gelegen:
Dort in sonndurchstrahlter Blumenwolke
Schwieg im unbehobelbaren Volke
Leeres Geschwätz, hohles Getue.
Einen Augenblick der Ruhe...
Nur Rosenstauden, Rosenständer!
So dacht' ich - mittendrin
Stand von der doofen Kaiserin
Der doofere Kleiderständer.



Staatsanwalt van Lennep trug seine Sicht der Dinge im Herrenverein "
Saturdagsch Gezelschap" vor:




An ein Röslein

Sanftgefärbte Frühlingsblüte,
Was du wohl auf Selindes Busen tust,
Dass du kuschlig auf den Brüsten
Wie zwischen daunenen Pfühlen ruhst!
Artiges Röschen, frisch entfaltet,
Wäre dein seliges Schicksal meins,
Läg' auch ich sanft festgehalten
Wo das Halssatin sich spreizt,
Ich läge nicht, wie du, bewusstlos
Das Köpfchen abgeknickt zur Seit;
Nein, die Neugier schaute rastlos
Auf die nahe Herrlichkeit.
Angespornt von heißen Lüsten
Auf die Brüste, weiß und weich,
Drückt' ich tausend, tausend Küsse
Auf Schultern, Hals und Nacken gleich.
Ich würd' zusammen auch vergleichen
Beide Kugeln, weiß und rund:
Welcher ich den Lorbeer reiche
Woraus bestünde der Befund?
Wo die Venen blauer schienen,
Wo das Weiß am weißesten war,
Welcher die größte Federkraft verliehen,
Welche der Beere röter war.
Dann versucht' ich nach zu spüren,
Wohin die hohle Gasse leitet,
Wohin die Furche mich will führen,
Die ein Rund vom anderen scheidet,
Die stillschweigend mir bedeutet,
Dass die Gass' nach unten führt,
Dort, wo warten ungeahnte Freuden,
Von keinem Sterblichen berührt.
Ich nähm die Gasse, lustgetrieben wie ich war,
Bis ich den Schatz in Augenschein genommen
Und sich auftat, was geheim geblieben war,
Bis ich in Cypris' Rosenhof war angekommen.



Ein berühmtes Rosengedicht für seinen Schüler Eugeen van Oye trug der flämische Priester Guido Gezelle bei:

Der Abend und die Rose

Hab' manche, manche Stund' bei Dir
verbracht und sie genossen,
und nie hat mich die Stund' mit Dir
ein einz'ges Mal verdrossen.
Hab' manche, manche Blume Dir
gelesen und geschenkt,
wie eine Biene, die bei Dir, bei Dir,
mit Seim wurde getränkt;
doch war die Stunde nie so lieb mit Dir,
so lang' sie dauern sollte,
doch war die Stunde nie so trüb' mit Dir,
als ich nicht gehen wollte,
als jene Stund', in der ich nah bei Dir,
am Abend still gesessen bin,
ich sagen hört' und sagte Dir
was ist im Herzen innen drin.
Noch keine Blume war so schön, von Dir
gesucht, gepflückt, gelesen,
als die, am Abend...die von Dir,
von mir geschenkt gewesen!
Obwohl, sowohl bei mir als Dir,
- wer wird die Wund' genesen? -
die Stund' bei mir, die Stund' bei Dir
ist keine Stund' gewesen;
obwohl bei mir, obwohl bei Dir,
wenn lieb und handverlesen,
die Rose, auch die Ros' von Dir,
ist Ros' nicht lang gewesen,
doch lange hegt, dies sag' ich Dir,
egal was bringt das Los,
mein Herz drei teure Bilder: Dich,
die Abend  - und - die Ros'!


Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verbreitete sich die Pädagogik der Aufklärung in der Literatur für Kinder und es entstand eine Tendenz zur Vereinfachung der Sprache, von der unsere Schüler bis zum heutigen Tag die Früchte pflücken dürfen:

Hieronimus van Alphen (1746-1803)

In Deutschland hatten Christian Felix Weiße und Gottlob Burmann Kindergedichte veröffentlicht und in den Niederlanden folgte Hieronymus van Alphen (1746-1803) ihnen nach mit den  "Proeven van Kleine Gedigten voor Kinderen"  ("Versuch einiger kleinen Gedichte für Kinder", 1778). Van Alphens Versuch, eine vereinfachte, kindgerechte Sprache zu schreiben wurde sofort zum Erfolg. Das Bändchen wird bis heute in Faksimile herausgegeben. Natürlich wurden die lieben Kleinen zu Gottesfurcht und Tugend angehalten. War die Zartheit der Rose bei van der Noot ein "Carpe Diem" - ergreife die Gelegenheit, morgen ist's zu spät! -, so muss ihre Vergänglichkeit bei van Alphen die Kinder zu Ehrfurcht vor Gottes Weisheit anhalten: 


Wenn geziemt die Ehrfurcht sei,
Verzichte man auf Krittelei.


Die Verwelkte Rose

Warum verwelkt die Rose über Nacht?
Sagt kleiner Jan: Wär's anders nur gemacht!
Diente es Gott nicht eher zur Ehre,
Wenn frisch die Ros' geblieben wäre?
****
Du glaubst, dass es an Ehr' gebricht,
Mein lieber Jan! Es ist so nicht.
Denn der Schöpfer weiß von allen
Am besten wie die Blätter fallen;
Dadurch, so will Er, gibst du Obacht,
Wie Schönheit hin ist über Nacht.
Wenn geziemt die Ehrfurcht sei,
Verzichte man auf Krittelei.


(Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2026)


Betje Wolff, Aagje Deken

Am Ende des 18. Jahrhunderts stand es schlecht um die alte Republik. Nach dem Katastrophenjahr 1672 hatte sich eine lange Periode des Niedergangs vollzogen, der in der Französischen Invasion (1795) und der Seeblockade durch die englische Flotte nach dem verlorenen Seekrieg 1780-1784 gipfelte. Die Verelendung der Bevölkerung war massiv. In dieser Lage versuchten die Aufklärerinnen Betje Wolff und Aagje Deken die Moral zu heben durch ihre "Economische Liedjes" ("Ökonomische Liedchen" 1781), geschrieben in einfacher Sprache. Es war ein großer Erfolg. In den "Liedchen" werden die Berufe durch ihre Betreiber sprechend eingeführt, wie in den sehr bekannten Emblematabüchern z.B. des Gravierers und Dichters Jan Luyken (1649-1712) "Spiegel van het menselyk bedryf" ("Spiegel des menschlichen Gewerbes"). 

Jan Luyken "Der Küfer"

Weil sie die moralische und sittliche Erziehung der Kinder als Voraussetzung für die Entwicklung der Bevölkerung betrachteten, schufen sie Fabeln für Kinder ebenfalls in einfacher Sprache, häufig nach französischem Vorbild. Einfache Kindersprache? Aus heutiger Sicht traute man den Kindern offensichtlich einiges zu. Die "Fabelen Voor De Nederlandsche Jeugd" ("Fabeln für die Niederländische Jugend" 1784) kannten viele Auflagen und wurden bis ins 20. Jahrhundert in verschiedenen Versionen herausgegeben.
Die schnell welkende Rose dient hier als eine Warnung vor der Wollust, von der nur der Stachel der Trauer übrigbleibt. 
Für Betje Wolff hatte "Coosje und ihre Mutter" bestimmt einen persönlichen Bezug. Sie war zarte 17 Jahre alt, als sie mit einem Fähnrich durchbrannte, dem sie ihr Leben lang nachtrauerte. Die kluge  Mutter im Gedicht hat sie wohl an die eigene, früh verstorbene und innig geliebte Mutter erinnert.
"Plaisir d'amour ne dure qu'un moment, chagrin d'amour dure toute la vie",
wie auch Kollege Fabeldichter Jean-Pierre Claris de Florian wusste.


VIIIe Fabel

Coosje und ihre Mutter


Coosje, mit kaum vierzehn Jahren,
Wollte von Mama erfahren,
"Mutti, was mag Wollust sein"?
In kluger, mütterlicher Überlegung
Sah die Dame glasklar ein,
Dass sie, falls sie dieser Frage auswich,
Die Wissbegierde nur belebte,
Also scheute sie die Finte nicht
Um die Schwierigkeit zu meiden.
"Was ist Wollust? Liebe Coosje,
"Deine Mutti sagt es dir,
"Wollust, ach! Ist eine Rose".
"Ei! Ist's möglich, sprach das Mädchen,
"Das ist die kleinste aller Sachen;
"Wenn dem so ist, will ich's betrachten;
"Den kleinen Spaß werd' ich mir machen".
Und hüpfend sprang das liebe Mädchen
Zum Garten, wo der Ros'baum stand
Und pflückte kurzerhand ein Röslein,
Das sie gar liebreizend fand,
Durch den Satin der weichen Blätter,
Durch den Duft, den Glanz, die Glut:
Coosje gab ihm liebe Küsschen,
Wie duftete das Röslein gut!
Es wurde an die Brust geschmiegt.
Damit aber nicht zufrieden,
Legt sie auf den Pfühl die Blüte,
Und sichselbst zur Ruhe hin...
Doch ganz gleich, wie sie sich mühte,
Schlafen ohne Ros', ei was!
Die Augen konnte sie nicht schließen,
Weit entfernt von ihrem Schatz.
Fast war sie dann eingeschlafen,
da streckte sie das Händchen aus,
Ergriff die Rose, schloß die Augen,
Wie die Braut mit einem Strauß.
Früh erwacht sie, vom Verlangen,
Die Blume wieder anzuschauen..."
"Wie! Betrügen mich die Augen?
"Unmöglich! Kann ich ihnen trauen?
Sprach sie traurig und erstaunt,
"Röslein! Bist du so zerbrechlich...
"Ach. Ein Dorn hat mich gestochen!
"Dieselbe Rose? So vergänglich?
"Dein ganzer Glanz ist jetzt verschwunden!
"Dein ganzer Duft verschwand im Wind".
Weinend lief sie hin zur Mutter:
"Gräm dich nicht, mein liebes Kind,
"Getäuscht hab' ich dich nicht, mein Engel;
"Sei das Röslein dir ein Bild. Es schmeichelt,
"Wie die zauberhafte Wollust,
"Die das Herz berührt und streichelt
"Mit den schönsten Lieblichkeiten:
"Liebes Coosje! Trau ihr nicht!
"Bald verwelkt sie und was bleibt dir?
"Dass dich der Dorn der Trauer sticht!"

Fleury

"Fleury" auf den pflichtgemäß verwiesen wird, ist der französische schriftsteller Arnaud Berquin (1747-1791), der veröffentlichte unter dem Pseudonym Monsieur Fleury oder Abbé Fleury. Die Fabel ist in seiner Manier geschrieben.

Montag, 22. September 2025

Ed Hoornik. Prophetisches im Alltäglichen.



Pogrom 
1938

                                                                                       Ed Hoornik 1910-1970

Die Poesie der Pfarrer wurde von den "Achtzigern" (wir sprechen vom 19. Jahrhundert) als hausbacken verspottet und regelrecht in die Verdammnis geschrieben. Die Achtziger ersetzten sie durch die Anbetung der poetischen Schönheit und den individuellsten Ausdruck der individuellsten Gefühle. Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs aber war die Zeit der formvollendeten Lyrik vorbei. In Flandern, wo der Erste Weltkrieg heftig wütete, beendete Paul van Ostaijen das Erbe der Achtziger. Er schrieb in Umgangssprache und scherte sich nicht um die ehrwürdigen Formen der überlieferten Poetik. Die Niederlande waren von der Katastrophe verschont geblieben; hier wirkte die Tradition der Achtziger länger nach, z.B. in sehr beachtlichen Dichtern wie Leopold und Boutens. Als die Zeiten immer bedrohlicher wurden, war es auch in den Niederlanden mit der Tradition der dichterlichen Dichter vorbei. In der Zeitschrift "Forum" wurde der Ausdruck eines persönlichen Standpunktes gefordert, anstatt eines wohligen Verbleibs in der makellosen Form. Die Diskussion trug den Namen "Vorm of Vent" ("Muse oder Macker"). Der Literat du Perron verzichtete wie van Ostaijen auf die poetische Sprache zugunsten der Umgangssprache. Diesen Stil nannte man "Parlando". Er hatte großen Einfluss, auch bei "unpolitischen" Dichtern, wie Achterberg und Vasalis.
In Amsterdam übernahmen Maurits Mok, Jac. van Hattum, Gerard den Brabander und Ed Hoornik diesen Stil, mit einer Vorliebe für die kleinen Dinge, das Anekdotische, den Spott, die Umgangssprache, das "Normale". Wenn man an die Genremalerei denkt, sind das eigentlich sehr "niederländische" Besonderheiten. Die vier wurden sogar zur "Amsterdamer Schule" erhoben.
Die drei letztgenannten gaben einen gemeinsamen Gedichtband heraus mit dem Titel "Drie op één Perron" (Drei auf einem Bahnsteig), damit anspielend auf den Einfluß du Perrons. Heute werden sie nur noch selten zitiert, dafür haben van Hattums schöne Schlußzeilen aus "140 Pond" ("140 Pfund") in alter Frische überlebt:

"Hoe meer ik drink, hoe meer ik eet,
  Hoe meer gewicht van Hattum heet".

"Je mehr getrunken, je mehr gespeist,
je mehr Gewicht van Hattum heißt"

Die kleinen Themen, das Normale und Anekdotische waren sowieso für keinen der Dichter besonders tragfähige Konzepte, und Hoornik wendete sich aus einem besonderen Grund von ihnen ab: 
Er war eine sehr prominente literarische Persönlichkeit. Er war Romanschreiber, Dichter, Zeitschriftenredakteur, Theaterautor, Rezensent - und ein ausgesprochener Gegner des Nationalsozialismus. Als Zeitungsrezensent befolgte er nicht die Zensurvorschriften der deutschen Besatzung, sein hier übersetztes Gedicht war wohlbekannt. Infolgedessen musste er untertauchen, wurde aber verhaftet und in das Gefangenenlager Vught verbracht, in dem viele Vertreter der niederländischen Prominenz als Geiseln gehalten wurden. Einer von ihnen war der Romanautor und Dichter Simon Vestdijk, von dem ich in diesem Blog ein Gedicht übersetzt habe.
Im Mai 1944 wurde Hoornik nach Dachau transportiert, wo er von den Amerikanern befreit wurde. Nach all dem Erlebten war eine Weiterführung der Poesie des "Alltäglichen" nicht länger möglich und Hoornik wandte sich einer eher theologischen und metaphysischen Thematik zu. 
Aber gerade in der Poesie des Alltäglichen und Normalen war Hoornik imstande, in einem klassisch gewordenen Gedicht das ganz und gar nicht Alltägliche und Normale, das da kommen würde, zu prophezeien:

Pogrom

Ist das der Mond, in seinem letzten Viertel,
ein Gesicht, im Qualm- und Flammenrahmen?
Wo ist Berlin, wo ist das Scheunenviertel?
Konnte der Junge flüchten, als die Banden kamen?
-
Ist das sein Schatten, der am Ufer steht?
Ist dies das Wasser, das ihn langsam nahm,
dies die Straße, wo es hin zur Spree geht?
Es ist die Amstel, dies ist Amsterdam.
-
Am Rembrandtsplein geht nun der Tag zu Ende,
Lichtfontänen über Dächern löschen ihn...
Ich press' die Nägel tiefer in die Hände.
-
De Jodenbreestraat führt zum Abgrund hin;
ich sehe meinen Schatten zucken an den Wänden...
Zehn Stunden nur die Bahnfahrt nach Berlin.


Ed. Hoornik (1910 – 1970)
aus: Steenen (1939)
Verlag: A.A.M. Stols

Übersetzung Jaap Hoepelman September 2025




 

Dienstag, 1. Februar 2022

Henriette Roland Holst "Tausend mal tausend" oder "das große Gut"

 

Henriette Roland Holst 1869-1952

Wir hatten in "Berlin 1910" die Gelegenheit, dem sonst so erhabenen Dichter Boutens in einem kleinen, sarkastischen, fast kabarettreifen Gedicht aus 1910 zu begegnen. 1910 - Es war noch nichts passiert, aber irgendetwas war in der Mache. In letzter Zeit lese ich über ein Fernseh-Gespräch, das zwischen den beiden Philosophen, Habeck und Precht über die Entwicklung der Gesellschaft stattgefunden hat. Schon Popper hat davor gewarnt, Philosophen die Gestaltung der Gesellschaft zu überlassen. Mir fiel auf, dass viele Elemente aus dem Gespräch so oder so ähnlich in der gleichen Periode um 1910 eine wichtige Rolle spielten - so auch im Epos „Die Frau im Walde“, der Dichterin Henriette Roland Holst aus dem Jahr 1912. In meinem Post über Roland Holst spielte auch Habeck mit einer politischen Aussage eine Rolle, ich hatte es fast schon vergessen. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, den Post hier noch einmal zu wiederholen:
Henriëtte Roland Holst-van der Schalk (1869-1952) war Tochter einer wohlhabenden Notarfamilie, wurde mit 23 Jahren zu einer erfolgreichen Dichterin und fühlte sich, einige Jahren später, vom Sozialismus, danach vom Kommunismus angezogen. Sie nahm 1915 Teil an der Zimmerwalder Konferenz, die später zur Spaltung der Kommunisten und Sozialdemokraten führen sollte. Sie war mit Leon Trotzki, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und anderen Großen bekannt.
1918 beteiligte sie sich an einem Aufzug zur Husarenkaserne in Amsterdam, um sich mit den Husaren dort zu verbrüdern. Diese aber hatten keine Lust sich verbrüdern zu lassen und die Revolution fand nicht statt.
Nach der russischen Revolution machte sich Enttäuschung breit bei vielen, so auch bei Roland Holst. Ihre Dichtung nahm zunehmend religiöse Züge an, aber auch schon 1918, wie ersichtlich im Gedicht 
„Die sanften Kräfte“, war sie von einer fast religiösen Heilserwartung inspiriert, womit Kamerad Dschugaschwili kurzen Prozess gemacht hätte.
Ich muss gestehen, dass ich ihre Gedichte, in denen Apostroph und Zirkumflex sich über die Zeilen verbreiten wie Puderzucker über einen missglückten Kuchen, nicht besonders leiden kann.
Ich habe sie hier in meine kleine Sammlung aufgenommen aus einem anderen Grund. Was, um alles in der Welt, haben die Leute sich damals gedacht? Viele auch heute noch? Eine so liebliche, feinfühlende Dame wie Henriëtte Roland Holst, sich verzehrend vor Verlangen nach dem endgültigen Heil, der vollkommenen Liebe, schreibt (1912!) Worte wie diese, in ihrem Endlos-Epos 
„Die Frau im Walde“:

Hoeveel duizend harten ook noodig zijn,
ge moogt ze nemen, en de prijs blijft klein.

De prijs blijft klein voor het mensche-geluk,
al gaan duizendmaalduizend harten stuk.


Mögen vieltausend Herzen nötig sein,
Du kannst alle nehmen, der Preis bleibt klein.

Was macht es, wenn für's große Gut,
gehen tausend mal tausend Herzen kaputt.




Aus: De vrouw in het woud. W.L. & J. Brusse,
Rotterdam, 1912.


de vrouw in het woud

 Dichter/Innen müssen nicht rechnen können, aber tausend mal tausend ist eine Million. Gemeint war VIEL. Bekanntlich wurde es mehr als nur viel. Sehr viel mehr. Die vollkommene Liebe aber wollte sich partout nicht einstellen.
Diese Denkart steht immer noch in voller Blüte. Wenn du keine riesige Windmaschine in deinem Garten haben, den Wert deines Besitzes nicht ruinieren und deine Gesundheit nicht kaputt machen willst, stellst du dich dem großen Gut entgegen. Uns das kriegst du um die Ohren!:

„Ich gönne jedem Menschen größere Abstände zu Windkraftanlagen“,
sagte Habeck. „Wichtig war für uns aber das Einhalten der klimapolitischen Ziele des Landes, und dazu gehört der Ausbau.“
(FAZ, Mittwoch, 28. März 2018)

Hier ist das Gedicht über die „Sanften Kräfte“, es spielt ungefähr in der gleichen Liga wie das weiche Wasser und der Stein:

Die sanften Kräfte

Die sanften Kräfte werden sicherlich gewinnen
am Ende - ich hör' es innig flüstern
in mir: wenn's schwiege, würde sich das Licht verdüstern
und alle Wärme würde starr da drinnen.

Die Mächte, die die Liebe noch in Fesseln binden
beseitigt sie, indem sie mählig vorwärts schreitet
und dann beginnt die große Seligkeit,
die wir, andächtig lauschend, in uns'ren Herzen finden,

und in den kleinen Zärtlichkeiten rauschen hören,
wie in kleinen Muscheln rauscht das große Meer.
Liebe ist der Sinn des Lebens der Planeten,
der Menschen und der Tiere. Und nichts, das stören
kann das Aufsteigen zu ihr. Am stet'gen Vorwärtstreten
vollkomm'ner Liebe gibt es keinen Zweifel mehr.

Henriëtte Roland Holst-van der Schalk (1869-1952)

Uit: Verzonken grenzen (1918)
Uitgever: W.L.& J. Brusse, Rotterdam

zachte krachten

(Übersetzung Jaap Hoepelman. März 2018.)

Montag, 17. August 2020

August Vermeylen: Wir wollen Flamen sein, um Europäer werden zu können

 


August Vermeylen 1872-1945


MISANTHROPIE

1893

Menschen sind hässlich, vom ständ'gen Kranksein,

Vom Schuften; kläglich der entstellte Leib bedeckt,

Im Geiste feige, wie wenn das Leben sie erschreckt,

Das Unlöschliche, das wacht über Dein Scheinsein,


Geschundenes Schmerzfleisch, das die Fesseln nie zerbrach,

In dem die Todesweber Dich verstrickten

Aus finsterer Nacht! Fleischaugen, die nie blickten

Aufwärts zum Himmel, und nur Stoffliches betrachten!


Verkrebst sind eure Knochen durch die Sünde; 

Riss' ich euch die bleiche Larve ab, ich stünde

Vor dem Grinsen einer Bestie. Tot seid ihr, verdorrt,


Tot eure Flamme. Ihr irrt im Kreis, als Bestien zerreißt

Ihr euch, und sucht das eine Wort, 

Das längst verschwunden ist aus Menschengeist.


Aus: Verzameld Werk

1952 Brussel


Misanthropie

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Aug. 2020)

Das Leben des August Vermeylen ist wie eine Vorlage für ein Panorama der belgischen Geschichte des fin de siècle und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Geboren wurde er 1872 in Brüssel in einer flämischen Familie. Es wird berichtet, dass man während der Woche Brüsseler Dialekt, der Vater allerdings an Sonntagen mit den Kindern Französisch sprach. Das Leben der besseren Kreise, Verwaltung, Gerichtsbarkeit, Wissenschaft, Wirtschaft, Literatur und Kunst war zu dieser Zeit vollständig französisch. Die Poesie Guido Gezelles hatte aber schon gezeigt, wozu das Flämische fähig war, und gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand beschleunigt eine Entwicklung für die Befreiung der flämischen Sprache aus dem Status eines verachteten Bauernjargons statt. Vermeylen spielte hierin eine wichtige Rolle, obwohl er das Niederländische anfänglich nur mangelhaft beherrschte. Wie es um das Flämische, bzw. das Niederländische in Belgien bestellt war, zeigt die Geschichte von Jan Coucke und Pieter Goethals: 1860 hatte in Charleroi ein Raubmord stattgefunden. Die Arbeiter Coucke und Goethals wurden beschuldigt, verurteilt und folgerichtig auf dem Großen Markt in Charleroi geköpft.  Der einzige Makel am Prozess war, das er vollständig auf Französisch abgehalten wurde. Sogar der Pflichtverteidiger verstand nur Französisch. Coucke und Goethals dagegen verstanden nur Flämisch und konnten sich nicht verteidigen. Wenig später wurden die wirklichen Täter gefasst. Pech für Coucke und Goethals.

Während seines Geschichtsstudiums an der "Université libre de Bruxelles" ("ULB") gründete Vermeylen mit anderen die Zeitschrift "Van Nu en Straks" ("Von Jetzt und Später"),

                                                                                                                       Van Nu en Straks. Jaargang 2 · dbnl                                

 die 1893-1894 und 1896-1901 existierte. Sie bestand nicht lange, aber dafür arbeitete eine ganze Phalanx von Großen in Kunst und Literatur mit, wie z. B. Henry Van de Velde. Auch niederländische Künstler beteiligten sich.

Piet Couttenier, ‘Literatuur en Vlaamse Beweging. Tot 1914 ...

"Van Nu en Straks" beschleunigte die Emanzipation des Niederländischen in Belgien, die über die Katastrophen des ersten und des zweiten Weltkrieges  hinweg, manchmal über verschlungene Pfade zur Gründung des heutigen belgischen zwei- und sogar dreisprachigen Föderalstaates führen würde. (Eine Darstellung der Spachensituation findet man hier.)

In Brüssel, Berlin und Wien studierte Vermeylen Literatur und Kunstgeschichte. Er promovierte zweimal, einmal mit einer französischen, das andere Mal mit einer niederländischen Doktorarbeit über  Jonker Jan van der Noot, den führenden Antwerpener Dichter der niederländischen Renaissance. Auf Grund dieser Arbeit wurde dem jungen Vermeylen ein Sondertitel als Doktor der Université libre verliehen.


                                                          Jan van der Noot - Wikipedia 

Jonker Jan van der Noot  1539-1595 

Es war nicht zuletzt dieser Stolz auf die kulturelle Leistungen der flämischen Vergangenheit, der die Herabsetzung von Sprache und Kultur für flämische Intellektuelle schmerzhaft spürbar machte. Er führte gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu erhöhten Anstrengungen in Sprache und Kultur.

Die Liste der kulturellen und politischen Aktivitäten Vermeylens ist erstaunlich. Er war Hochschullehrer für Kunstgeschichte, unterrichtete Geschichte der niederländischen Literatur, war einer der Gründer der Sektion für germanische Philologie an der ULB, er wurde Mitglied der Gesellschaft für niederländische Literatur in Leiden (Niederlande), Leiter der königlich flämischen Akademie für Sprache und Literatur, errichtete den belgischen PEN-Club, war Mitglied des belgischen Senats, unterrichtete Kunstgeschichte und Literatur an der Universität Gent und war 1930 - 1933 deren Rektor nach der Umwandlung von einer französischen in eine niederländische Universität. 1932 wurde er Mitglied der niederländischen Akademie der Wissenschaften, Doctor Honoris Causa der Universität Amsterdam, Vize-Präsident des Senats. Darüber hinaus schrieb Vermeylen Gedichte, Romane, Essays, Standardwerke zur Kunstgeschichte...und diese Übersicht ist kläglich unvollständig. 

Wegen seiner herausragenden Stellung im belgischen politischen und kulturellen Leben wurde Vermeylen 1940 durch die deutsche Besatzung jede öffentliche Betätigung untersagt. Nicht wegen seines Eintretens für die flämische Sprache und Kultur – das hätte dem Besatzer wohl ins Konzept gepasst – sondern wegen seiner internationalen Einstellung. Er wollte das Flämische als gleichwertiges Element einer europäischen Kultur betrachten, als Teil einer internationalen Gemeinschaft mit eigenem Gewicht.

Schon 1900, im Essay "Flämische und Europäische Bewegung" schrieb Vermeylen prophetisch:  "Damit wir überhaupt etwas sind, müssen wir Flamen sein. Wir wollen Flamen sein, um Europäer werden zu können". 

Im Januar 1945 starb Vermeylen an Herzversagen.




Montag, 8. Juli 2019

Boutens. Berlin 1910.

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P. C. Boutens
1870 -1943




Rosengarten
Berlin

1910


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Besitzen will, und so entweiht -
Ich habe etwas beinah schönes angeschaut:
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Übersetzung Jaap Hoepelman Juli 2019



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