Dienstag, 1. April 2025

Hans Lodeizen. Der Perk der Fünfziger...?

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Hans Lodeizen 1924 - 1950

Hans Lodeizen war der Sohn des Präsident-Direktors der Rotterdamer Reederei Müller&Co* und war als solcher aller materiellen Sorgen enthoben. Seit seiner frühen Jugend litt er aber unter einer schwachen Gesundheit, einer Asthma, die ihn zu einem einsamen Kind machte und ihn in Gymnasium behinderte. Später fing er ein Studium an der Universität von Amherst (Mass.) an, das er nicht abschließen konnte. In Amherst traten erste Symptome der Leukämie auf, an der er in 1950 in Lausanne starb. In seinem kurzen Leben erschien von ihm nur ein Gedichtband, "Het innerlijk Behang" - "Die innerliche Tapete". Weil er sehr jung starb, weil seine Poesie neu und andersartig war als die der Vorgänger, und weil bald nach seinem Tod mit der Bewegung der Fünfziger eine Welle der Erneuerung einsetzte, wird er wohl mit Jacques Perk, dem Vorläufer der Achtziger des 19. Jahrhunderts verglichen. Perks hochgestimmte Feier der Dichtkunst war ihm aber völlig fremd. Lodeizens Gedichte sind unprätentiöse, reimfreie, scheinbar lose zusammengefügte Prosatexte voller Bilder und Assoziationen über Verlassenheid und Trauer. Lodeizen passte nicht in dieses Leben und als Homosexueller schon gar nicht in das Leben während und kurz nach WKII. Als Erneuerer kurz nach einem Krieg nach dem es keinen Sinn mehr hatte weiter zu machen in den hergebrachten Formen, erinnert er eher noch an Paul van Ostaijen, kurz nach WKI, auch er jung gestorben, auch er ein großer Beender der Tradition. Lodeizens neue Dichtkunst aber kam sehr gut an. Vom einzigen Band "Het innerlijk Behang" gab es bis 1990 15 Auflagen. 1996 erschien eine vollständige wissenschaftliche Ausgabe "Gesammelte Gedichte" (Uitgeverij G. A. van Oorschot, Amsterdam, 1996)

Die Melancholie eines Unverstandenen erschließt sich vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber die besten Gedichte sind nicht die, die man sofort  versteht, sondern die, die man verstehen möchte.

[Erzählungen und Unglücke]

Erzählungen und Unglücke gingen immer zusammen
in diesem Land; der König
ging im Hermelinmantel zu Bett
inmitten seiner Hofdiener
und schlief schlecht wegen des unaufhörlichen
Gewirr der Stimmen um ihn herum;
zwei Kammerdiener, die sich stritten um sein Beinkleid
oder ein Page, Witze reißend über seine Strümpfe;
Es war ein Land mit fremdartigen Leuten,

und doch: hier lebte er und war glücklich, unter
dem Pöbel war er zuhause, wie unter der Elite;
er kannte keinen Frieden
groß genug um die unermesslichen
Strände seines Gefühls zu füllen, kein Ruf
war schnell genug, die Winde einzuholen
- es war ein aussichtsloses Unterfangen
zu klagen und er klagte nicht.


aus: Hans Lodeizen "Het innerlijk behang" Van Oorschot Amsterdam (1949).

(Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2025)

Langsam

Winter, du bist ein Schlechter,
in den Häusern versteckst du dich
wie ein Kind sehe ich dich, wie du in alle Schulen
hinein rennst mit deinem Leib
versteckt im Ranzen oh Winter du bist
ein schlechter Lehrer.

Ein kleines bisschen Feuerwerk damit
bin ich zufrieden o Winter gib mir
etwas Fröhlichkeit schneide eine Scheibe
ab von diesem Mittag werfe ein Märchen
in das Gewässer der Nacht
oh schlechter Lehrer.

Tag schlechter Winter, Scherenschleifer,
mit verschrammten Knien rennst du
über den Schulhof wie Murmeln
aus den Wolken eines Himmels zum blauen
Hemd, wo die weiße Kreide reitet eines
schlechten Lehrers.

aus: Hans Lodeizen "Het innerlijk behang" Van Oorschot Amsterdam (1949).

(Übersetzung: Jaap Hoepelman Februar 2019)


*Es ist ein "fait divers" in diesem Zusammenhang, aber es vermittelt doch einen Eindruck von Lodeizens Umgebung. Das Handelsunternehmen Müller & Co. dessen Vorstandsvorsitzender Lodeizens Vater war, wurde 1876 in Düsseldorf gegründet. In 1889 übernahm Anton Kröller (verheiratet mit Hélene Müller, der Tochter von Wilhelm Müller) die Leitung der Rotterdamer Niederlassung. Hélene Müller ist die Stifterin der Sammlung Kröller-Müller, beheimatet auf einem Landgut in Osten der Niederlande, mit einem Museum und einem vom berühmten Architekten Berlage entworfenen Jagdschloss.
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Das Museum enthält eine berühmte Skulpturen- und Gemäldesammlung, insbesondere die, nach dem Van Gogh Museum in Amsterdam, zweitgrößte Sammlung Van Goghs der Welt. 

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Ein gutes Beispiel für Lodeizens lakonische aber bedeutungsreiche Bildersprache fand ich immer "An einem sehr warmen Sommertag", in dem Titel und Gedicht nahtlos in einander übergehen:

An einem sehr warmen Sommertag

er hatte
alle Formen der Trauer
im Körper ertränkt

doch Angst
mit Hut und Regenschirm
wartete im Vestibül.

aus: Hans Lodeizen "Het innerlijk behang" Van Oorschot Amsterdam (1949).

Übersetzungen: Jaap Hoepelman Februar 2019, April 2025

Montag, 24. März 2025

Een Kaasboer uit Gouda und mehr Blödsinn.





Auf der Suche nach Spaßgedichten im Niederländischen begegnet man unweigerlich dem Limerick. Der Limerick wird besonders geschätzt, wenn er interne Reime, Wortspiele, ein gewisses Maß an Absurdität und  Anzüglichkeiten beinhaltet. Auf letztere habe ich selbstverständlich verzichtet. Limericks stammen aus England, sie sind etwas altbacken und sie waren eine Zeitlang ziemlich beliebt in den Niederlanden. Ein großer englischer Vertreter des Genres war Edward Lear. In den Niederlanden war John O'Mill einer der Anwender der Form. Als ich auf dieses Beispiel des Alex van der Heide stieß

Er was eens een kaasboer uit Gouda,
die liep rond de tafel zijn vrouw na.
De vrouw zei heel vief:
'Alles is relatief;
als ik iets harder loop, zit ik jou na!' *

verspürte ich Lust mich daran zu versuchen - meinen guten Ruf hatte ich in vorherigen Posts sowieso schon ruiniert. Hier das Ergebnis:

Ein Jäger mit Schießgewehr in Leer Jagte die Jägerin im Kreisverkehr. "Ach, es ist relativ", Sagte die, als sie lief, "Bin ich schneller, jage ich hinter ihm her".  

Weil die Sünde schmeckte, entschied ich mich auf eigene Faust mehr zu versuchen:

Ein gewisser Giovanni aus Mailand
Verschlang einen Haxen mit Fettrand
Dann wurde ihm schlecht
Er lag ausser Gefecht
Am Wiesenfestrand, wo das Klo stand.

Einem rüstigen Rentner aus Ommen
War das dritte Gebiff weggekommen
Der Nachttisch war leer
Und er fusste nicht mehr
Habe iff oder fie es genommen

Ein Kapellmeister aus Mönchengladbach
Wollt' wissen, wer den gräßlichsten Krach macht.
Sollt' es Beethoven sein?
Denn der haut feste rein,
Wenn er nicht einen auf Bach macht.

Ok, weil ihr alle begeistert seid, hier noch einer für's Alter:

Ein alter Opa aus Malmsheim
Pfiff sich kiloweis blaue Pillen rein.
"Ich geh mit der Zeit
Und jetzt bin ich bereit
Für meine Pflichten im Altersheim".

und einer für die Physikliebhaber:

Ein Physiker aus Anhalt-Zerbst
Machte Schrödingers Test mit sich selbst.
"Auch wenn es dauert,
Darum nicht getrauert,
Ich überlagere gern bis zum Herbst".
 

(Jaap Hoepelman, März 2025)

(*Diesen Limerick, zusammen mit dem berühmten Achmad aus Bagdad findet man hier)

 

Freitag, 14. März 2025

Sankt Drachus und der George. Eine Fingerübung.


 In meinem letzten Post habe ich mich mal wieder in die seichten Gewässer des niederländischen Spaßgedichtes begeben und mich noch einmal an John O'Mill versündigt. Dieses Mal will ich mich an einem seiner bekannteren Reimen, der Ballade "Sint Dracus en de Joor", geschrieben in der Technik des "Spoonerismus", versuchen. Eine feine Klingerübung so zu sagen. Im Spoonerismus (benannt nach  William Spooner, einem Geistlichen zu Oxford, der daran litt) werden Wortanfänge in Sätzen vertauscht (oder auch Buchstabenfolgen innerhalb Wörter), mit einer hoffentlich komischen Wirkung. 

Avec mes tendres excuses pour ce qui va suivre...

Sankt Drachus und der George

Sankt Drachus in seiner ränzenden Glüstung
Ritt im Schritt in einer lunklen Dichtung
Jäh halten Rerd und Pfeiter ein
Erschreckt vom schrauenhaften Grein
Ist eine Neele dort in Sot
Ergriffen von dem talten Kot?
Sankt Drachus spaut die Horne rein
Dort wo er hört des Schrotrufs Nein
Das Erbspiel, das er jetzt schaulickt
Ihn vor Ersetzen schier entstickt.
Das Gruppenungeheuer, das schößte,
das zähsige Klauen und riene entblößte!
Am Feden, vor den Bolsen liegt
(Die Gesände vor dem Hicht geschmiegt)
Die munge Jagd! Macht Drachus ach! verrückt!
Mit güldner Kone ist der Kropf geschmückt.
Sankt Drachus, obschon ihm zumu bangte
Mutig im Lanten zur der Reize langte
Und weiss ihm ohne stab zu eigen
Den Lachmann an der Fanz' zu zeigen.
Noch fluckt es Spammen, brümmt ein Kein
Dann tinkt die Lanze siefer ein.
Die munge Jagd lässt einen Schreudenfrei
Sagt ritternd, dass er ihr Zetter sei.
Er hetzt sie sin, so kest er fann
Und singt brie aus dem Trachendann.
Die Varg des Buters ist nicht fern,
Dort ihmt man dank, man hankt dem Derrn.
"Drachus", spricht Kater, "vomm zu mir".
Doch Drachus hählt das Wasenpanier.
Lang viert der Stater in die Nacht,
Küttelt den Schopf, hat nache langgedacht.
Eher ein verpasster Wiedemann.
Die ganze Neiße fängt von Scheuem an.

(Übersetzung Jaap Hoepelman 14.03.'25, frei nach John O'Mill)

Sint Dracus en de Joor (Version 1960)

Donnerstag, 6. März 2025

John O'Mill. Der nüchterne Niederländer

In der jetzigen traurigen Zeit wollte ich etwas anderes als immer nur die übliche poetische Trübsal blasen. Heute greife ich zunächst mal zurück auf John O'Mill. Es passt irgendwie...


                                                                                                                                                                        Johan van der Meulen (John O'Mill)                                                                                                                                                                         (1915-2005)              


Der nüchterne Niederländer

Das Bild des Leiters,

Jetzt, damals, oder wie auch immer,

hängt in Russland in jedem Klassenzimmer.

Der Yank will, dass in Yankeeland

Die Yankeefahne hängt an jeder Klassenwand. 

Was hängt beim nüchternen Niederländer?

Der Lebensversicherungskalender.



Übersetzung Jaap Hoepelman März 2025

 (frei nach John O'Mill)


De nuchtere Nederlander

Freitag, 21. Februar 2025

Die Israelitische Laubhütte



Anthony Christiaan Winand Staring (1767-1840) geportretteerd door P Velyn, uitgeven doorJohannes Immerzeel
Antoni Christiaan Wijnand Staring
1767-1840


In einem früheren Post habe ich schon einige Zeilen über Staring als Dichter der Übergangszeit zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert geschrieben. Als rationellen Romantiker und Christ könnte man ihn beschreiben und als toleranten, aufgeklärten Mann. 
Toleranz und Rationalität waren nicht gerade hervorstechende Eigenschaften der vergangenen Jahrhunderte, auch nicht in den Niederlanden. Juden waren bis 1796 nicht gleichgestellt. Katholiken, Remonstranten, Lutheraner und andere im Übrigen auch nicht. Über diese Diskriminierung bis 1796 und danach schrieb ich in einem andern Post, aber aufgeklärtere und tolerantere Tendenzen, auch den Juden gegenüber, waren früh zu erkennen. Auf der einen Seite, weil die Republik der Niederlande, im Aufstand gegen das inquisitorische Spanien, Verständnis hatte für die geflüchteten Juden, auf der anderen aus schnödem Eigeninteresse. Hugo Grotius z.B., der berühmte Rechtsgelehrte, beführwortete die Zulassung der Juden auf Grund des zu erwartenden Profits*.  Ich sehe das nicht unbedingt als schlimmen Vorwurf, sondern vielmehr als Beleg dafür, dass, wo Ideologie Toleranz eher ausschließt, Eigeninteresse gerne einen vielleicht nicht gar so blütenweißen Weg findet. Den kleinen, hinterfotzigen Antisemitismus gab es zweifellos. Die ethisch-tolerante Komponente gab es aber auch. Revius' berühmtes Gedicht "Er trug unsere Schmerzen", vom Historiker Jaques Presser eines der schönsten Gedichte der calvinistischen Niederlande genannt, scheint mir nicht von gewinnsüchtigen Interessen bestimmt. Vertreter  der frühen Aufklärung und Rationalität findet man in Jeremias de Decker und natürlich in Spinoza, dessen Leben zu seiner Zeit in einem anderen Land schlicht unmöglich gewesen wäre. Nicht vergessen sollte werden, dass Philosophen wie Descartes, Locke und Bayle in den Niederlanden Zuflucht gefunden hatten und von dort aus einen beträchtlichen Einfluss ausübten.
In Staring also kamen diese Elemente zusammen: Er war ein rationeller Romantiker und toleranter Christ. In diesem Sinne unterschied er sich ziemlich von der Kleinkariertheid, die die Niederlande noch lange Zeit im Griff hatte.


Die Israelitische Laubhütte


Wer voller Hohn zur Hütte kam -
Nicht ich, Du Kind von Abraham!
Entbiet' ich ehrlichen Gemuts,**
Der Schwelle meinen Friedensgruß!

Dein Fest begehst Du, sitzend dar,
Getrost in Deiner Kinderschar,
Im Schatten Deines Laubverschlags,
Wie Dir von Mose einst gesagt.
Judeas Rebstock grünt hier nicht;
Oliv' und Feige reifen nicht;
Du erntest in der rauen Luft
Nicht reiches Laub, nicht süße Frucht;
Und doch bist Du gesessen dar,
Getrost in Deiner Kinderschar;
Das Festzelt hier ein Örtchen fand
Wie einst in Palästinas Land.

Dreitausend Male schloss die Sonne
Den Kreis, wo sie das Jahr begonnen,
Noch immer baust Du den Verschlag,
Wie einst von Mose Dir gesagt.

Jerusalem ist tief entehrt;
Des Tempels Mauern sind verheert;
Verflossen ist schon längst die Zeit
Des Glanzes beider Herrlichkeit.
Trotzdem, Dein Zelt steht jedes Mal
Bei Völkerschaften ohne Zahl,
So bald die Schal' am Himmelszelt,
Das Tagesmaß hat gleichgestellt.***

Wir - tasten in Unsicherheit;
Die Wiege liegt in Dunkelheit;
Dass Gott uns hat hierhin gebracht,
Wird nicht gefeiert, nicht gedacht!

Dreitausend Jahr' hast Du gezählt,
Dass Dich der Ew'ge auserwählt;
Dass, als Du flohest vor Gewalt,
Sich öffnete im Meer ein Spalt;
Dass, ohne Dach, ein Leben lang,
Die Schare ging den Endlosgang;
Die Wolkensäule führt' den Zug,
Und Manna war Dir Speis' genug.
Du feierst bis zur heut'gen Zeit,
Dass Gottes Arm Dich hat befreit.

Deswegen, ehrlichen Gemuts,
Entbiete ich den Friedensgruß.
Wer voller Hohn zur Hütte kam -
Nicht ich, Du Kind von Abraham!


De Israelitische Loverhut

Aus: Staring 1836/1837 Gedichten
Arnhem, Nijhoff.

Vertaling Jaap Hoepelman Februar 2025

Dirk Jansz van Santen:

Jüdisches Laubhüttenfest, Bibelillustration (1682)


* Doctoraalscriptie Paul Hendriks Leiden 1997

**"ehrlichen Gemuts"...ich weiß, ich weiß. Mangels Reimwortes war ich auf der Suche nach Assonanzen für meinen quasi-altmodischen Text und fand eine passende Stelle:

Eines ehrlichen auffrichtigen Gemuts zuseyn/ nicht ruhmräthig vnd geitzig/ der mit eim billichen Lohn

*** Gemeint ist die Zeit nach dem Mondkalender, die Tag-und-Nachtgleiche, in der Tag und Nacht ungefähr gleich lang sind und in der das Laubhüttenfest gefeiert wird (September, Oktober).







Mittwoch, 22. Januar 2025

A. Roland Holst. Einmal


 A. Roland Holst (1888-1976)

In einem früheren Post habe ich mich etwas respektlos über den Großdichter Adriaan Roland Holst geäußert. Jetzt schickt mir mein Gedichte-Abo ein raffiniertes Kurzgedicht, das mir sehr gefällt, so dass ich hiermit Abbitte tue:


Einmal


Einmal ist von allen, die

zwischen uns kamen,

jeder weggefallen. Nie-

mand kennt noch die Namen ...


Einmal ist die Fehde

aus und vorbei,

nicht mehr ist die Rede

vom bitteren Streit von uns zwei.


Einmal wird es wieder regnen

leise, wie damals am Meer -

du wirst mir begegnen

und zögerst nicht mehr.


Aus "Omtrent de grens"

Bert Bakker/Daamen Den Haag 1960


Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2025

Samstag, 11. Januar 2025

M. Vasalis. Der Idiot im Bad.

M. Vasalis 1909-1998
(Margaretha Droogleever Fortuyn-Leenmans)
 


M. Vasalis


Der Idiot im Bad.


Die Schulter hochgezogen, die Augen feste

Zu, im Halbtrab, immer stolpernd als er auf die Matte trat, 

Hässlich und unbeholfen, gebeugt am Arm der Schwester

Geht einmal jede Woche der Idiot ins Bad.


Der warme Dampf, der überm Wasser steht

Beruhigt ihn: Der weiße Dampf...

Mit jedem Kleidungsstück, das von ihm geht,

Lindert ein altvertrauter Traum den Krampf.


Die Schwester läßt ihn in das Wasser gleiten,

Er faltet seine dünnen Arme auf der Brust

Er seufzt, als ob er löscht den ersten Durst

Und Seligkeit will sich um seinen Mund verbreiten.


Die angsterfüllten Züge sind leer und schön geworden,

Die dünnen Füße stehen wie ein bleicher Blumenstrauß,

Die langen, bleichen Beine, dürr geworden,

Schimmern wie Birkenstämme aus dem Grün heraus.


Er ist in diesem grünen Wasser noch wie ungeboren,

Er weiß nicht, dass es Früchte gibt, die niemals reifen,

Er hat die Körperweisheit nicht verloren

Und Geistessachen muss er nicht begreifen.


Und jedes Mal, als er aus dem Wasser wird gezogen,

Und kräftig abgerieben mit den rauen Anstaltswischen

Und ihm die steife, harte Kluft wird angezogen,

Dann wehrt er sich und weint ein bisschen.


Und jede Woche wird er wieder neu geboren

Und roh getrennt vom sicheren Wasserdasein,

Und jede Woche ist ihm das Los beschoren

Wieder nur angsterfüllt ein Idiot zu sein.


Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2025


De idioot in het bad    

Aus: Parken en Woestijnen
Uitgeverij Van Oorschot, Amsterdam.
1940

Mehr von und über M. Vasalis in diesem Blog.


Montag, 6. Januar 2025

M. Vasalis. Der Tod



M. Vasalis 1909-1998

M. Vasalis, Pseudonym von Margaretha Droogleever Fortuyn-Leenmans. Von Beruf Kinderpsychiaterin hat sie in ihrem Leben nur sehr wenig veröffentlicht: Drei Bündel zwischen 1940 und 1954 und postum das von ihren Kindern besorgte "De Oude Kustlijn". Dafür gehören diese zu den am meisten verkauften Dichtbündeln der niederländischen Literatur und ihre Zeilen gehören zum klassischen Zitatenschatz.  Zu den großen Erneuern gehörte sie wohl nicht, dazu sind ihre Gedichte zu Regelkonform. Auch fand ihr erster kreativer Ausbruch gerade vor der Periode der "Fünfziger" statt, eine Gruppe, zu der sie qua Hintergrund und Habitus nicht gehören konnte. Sie schien etwas "aus der Zeit gefallen". Dafür können ihre besten Gedichte es mit denen der Fünfziger, die sie heftig beschimpften (warum doch immer diese Agression bei den "Erneuern"?), mühelos aufnehmen. Ich vergleiche ihre Kunst gerne mit der des Gerrit Achterbergs, der es auch hervorragend verstand die Dinge und die Sprache des Alltags poetisch aufzuladen. Sie wurde 1974 ausgezeichnet mit dem Constantijn Huyghenspreis und 1982 mit dem P.C. Hooftpreis für Poesie.
Meine früheren Versuche ihre Poesie ins Deutsche zu übersetzen finden sie hier.
Als eine Leserin dieses Blogs mich darauf hinwies, dass der kleine Sohn der Dichterin in WWII während einer Polio-Epidemie verstarb, bekam für mich die Zeile "Bevor er ging, gab er ein kleines Bild mir..." (mit dem brillanten Reim "portretje...maar wat let je") eine fast profetische Ausdruckskraft.    


 Der Tod


Der Tod hat mir gezeigt die kleinen, interessanten Dinge:

schau, ein Nagel - sagte der Tod - und das sind Taue

Ich schau ihn an, ein Kind. Er ist mein Meister,

den ich bewundre, dem ich traue

der Tod.


Er zeigte alles: Getränke, eine Pille,

Pistolen, Gashahn, steile Hänge,

ein Bad, Rasierer, Laken zum Erhängen

"einfach so" - für wenn das ist dein Wille,

der Tod.


Bevor er ging, gab er ein kleines Bild mir...

"Ich weiß nicht, man vergisst so leicht,

es kommt gerade recht vielleicht

für wenn's nicht mehr dein Wille

ist, zu sterben,

doch überleg es dir.'

sagte der Tod.



Aus "Parken en Woestijnen"
van Oorschot B.V. 1940

Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2025

De Dood


Samstag, 4. Januar 2025

M. Vasalis. Der blinde Passagier.

 

Der blinde Passagier


Wenn ein Geschöpf geboren wird,

die Reise antritt, schifft in den Raum der Tod

sich ein. Er macht sich mit dem Schiff vertraut,

dringt ein in jedes Brett der Außenhaut, 

des Spants, des Masts, der Kabel, Taue,

Segel, kauert im Rettungsboot.


Es sind die kleinen Kinder, die ihn kennen

und ihn nicht fürchten: Sie sind gerade eben

ausgefahren aus der Nacht,

zu ungewohnt ist noch das Tageslicht.

So wie der Schatten passt zum Licht,

so wird das Leben stets vom Tod bewohnt.


De Verstekeling

Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2025

Sonntag, 22. Dezember 2024

Gerrit Achterberg: Thebe


          Gerrit Achterberg
              1905 - 1962

Thebe

(1940)

Mit Leben ausgerüstet für uns beide,
hab' ich mich in die Gänge nachts begeben,
die zu Dir leiten.
Der Bau unter der Erde trug
eine Stille, die nur mit Widerstreben
meinen Schritt ertrug.

Die Mauern standen wie gesättigt
von rauem Schimmel; Luft und Licht,
für alle Zeit beschädigt,
laugten mich aus; der Wunsch alleine
bei Dir zu sein im Endgericht,
hielt mich auf die Beine.

Das Labyrinth verlief in Rillen
im immergleichen, blinden Ring
Um Deinetwillen?
Ich weiß nicht mehr, wie lang ich ging.
Wie trugen die, die Dich begruben,
soweit ein Ding?

Bis meine Füße auf Dich stießen:
Aus absoluter Finsternis
sah ich, wie Deine Augen wurden aufgerissen;
Deine Hände konnte ich nicht heben,
ich fühlte sie am Leben streicheln,
das schlagartig in mir ragte;
Dein Mund, im Tod vergangen, fragte.

Sprache, für die es keine Zeichen gibt
im diesem All
verstand ich jetzt zum letzten Mal.

Doch mein Atem reichte nicht mehr weit
ich flüchtete in mein Gedicht:
Nottreppe in das Morgenlicht,
erbleicht, weit vor der Zeit.


Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2024

Thebe

"Thebe" ist das Titelgedicht eines Gedichtbandes mit 40 Gedichten, das 1941 erschien, als Achterberg in einer psyciatrischen Einrichtung verpflegt wurde. Die Orfeus-Thematik der Rettung der Geliebte aus der Unterwelt, in Achterbergs Oeuvre sehr prominent, finden wir in diesem Blog z.B. im zweiten Sonett der "Ballade vom Gasfitter", in der der Gasfitter in einem feuchten Verlies versucht seinen Fehler wieder gut zu machen.

Dienstag, 3. Dezember 2024

Leo Vroman. Ode an die ältesten Tage

Leo Vroman 1914-2015

Ode an die ältesten Tage

Oh, nie mehr jung sich abzuplagen,
heiß um eine kalte Welt sich mühend,
begierig, jedes Schriftstück aufzuschlagen -
wie verschwitzt und, wie ermüdend!

Nein, ich genieß die Dehnung jeder Nacht,
die sanfte Kleinheit aller Ideale,
die süße Trägheit der Gedanken, die, unausgedacht,
es nicht mehr schaffen zum Finale,

nicht einmal der Gedanke an das Ende,
die Fahrt von Bett zu Boden dauert lang,
träumend, dass ich das Sublime fände,
ein Fördermittel für den letzten Gang,


dass fahrend auf sowas wie Fahrrad, ich,
zum schwärzesten, zum größten Abenteuer,
vom Schlaf erwache, denn mir fehlt das Steuer,
mit einem Griff ins Nichts verlier ich mich.

(Übersetzung Jaap Hoepelman Dezember 2024)



Mittwoch, 13. November 2024

Hugo Claus. In Flanders Fields.

 



Hugo Claus 1929-2008

Belgien wird wohl das Schlachtfeld Europas genannt. Die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung Belgiens und seine strategische Lage zwischen England, Frankreich und den deutschen Staaten führten dazu, dass es immer heftig umkämpft wurde, als Einflussbereich, als Besitz oder als Durchzugsgebiet. Allgemein bekannt ist die Schlacht bei Waterloo mit 50.000 Opfern, andere sind eher in Vergessenheit geraten, waren aber nicht weniger verlustreich. Die Schlachten um Ostende (1601-1604) zum Beispiel, zählten mit insgesamt 100.000 Opfern fast doppelt soviel.  Auf knapp 30.000 km² gibt es in Belgien über 3.000 Schlachtfelder. Zu den grauenhaftesten gehören die Schlachtfelder um Ypern.


Ieper (franz., engl. "Ypres", deutsch "Ypern") ist eine kleine mittelalterliche Stadt im "Westhoek", im Südwesten Belgiens, berühmt durch ihr Tuchgewerbe. Die Tuchhalle, aus dem 13. Jahrhundert, war damals eines der größten bürgerlichen Gebäude nördlich der Alpen.

Die Tuchhalle um 1860

Nach Kriegsende

Vom Norden her, wie es der Schlieffenplan vorsah, gibt der Westhoek über Ypern Zugang zu den Häfen an der Kanalküste.  Also wurde Ypern belagert. Es stellte sich bald heraus, dass die neue Kriegstechnik eher die Verteidigung als den schnellen Durchmarsch ermöglichte. Der deutsche Vormarsch stockte für die Dauer des ganzen Krieges an ungefähr der gleichen Stelle in einem Bogen vor Ypern. Die Deutschen versuchten mit aller Macht an Ypern vorbei die Häfen an der Kanalküste zu erreichen. Das Empire, Frankreich und Belgien versuchten dies mit aller Macht zu verhindern. Von 1914 bis 1918 fanden vor Ypern vier Schlachten statt (oder fünf, je nachdem, wie man zählt). Die Kräfte des Empires versuchten Hill Sixty und Hill Sixty One, die den Deutschen eine gute Übersicht boten, mit gewaltigen Minen zu sprengen. 



Die Belgier öffneten nach der alten Sitte der Niederen Lande die Seeschleusen bei Nieuwpoort, so dass das Wasser der Nordsee das Land überflutete. Ansonsten schickten die Befehlshaber in vier Schlachten ihre Mannschaften immer wieder aus den Laufgräben durch den Schlamm der Äcker durch Stacheldrahtverhaue ins Maschinengewehrfeuer. Ein Weiterkommen war unmöglich.


Das verhinderte nicht die ununterbrochene Beschießungen. Es verhinderte auch nicht den ersten Einsatz von Chlorgas und Senfgas, das entsprechend "Yperit" genannt wird.


Der Ortsname "Poelkapelle" ruft vielleicht keine Erinnerungen wach, aber "Langemarck", unmittelbar daneben auf der Karte, hat noch lange in der deutschen Kriegsfolklore eine Rolle gespielt.


Der Boden in West-Flandern besteht aus dem fettesten, fruchtbarsten Ton, den man sich denken kann. In diesem Boden vergruben die Kriegsparteien sich in einem Geflecht von Laufgräben, gestützt von Säcken aus gestampftem Sand.


Die gute Erde aber hatte sich durch die pausenlosen Bombardements und den Starkregen in eine Art von schlammigem, fettem Schleim verwandelt, in dem Leichen und Leichenteile auftauchten und untergingen und der sich in den Laufgräben sammelte.


"Der fürchterliche Schlamm, das schlimmste, was es gibt, der Schlamm in dem eine Armee herumkriecht, in dem Pferde, Männer, Kanonen, Wagen aussehen wie Ungeziefer, getunkt in Dreck; gärender Eiter, der den flämischen Boden überdeckt und auffrisst, der die Landschaft verschlingt...." (Maurice Duwez ‘La boue des Flandres’).

Es gibt eine Pflanze, die blüht in solchen verwüsteten Böden, wenn andere Pflanzen längst aufgegeben haben: Klatschmohn, eine "Pionierpflanze". Im überdüngten Schlamm um Ypern blühte der Klatschmohn (englisch "poppy") wie besessen.  Durch das Gedicht (1915) des Kanadiers John McCrae, "In Flanders Fields",  wurde die Mohnblume im britischen Empire zum Symbol für den Krieg. 


Das Gedicht steht noch in der Tradition des poetischen Heroismus, zu dem bald keine Poesie mehr passen wollte
So erscheint das Gedicht des Hugo Claus wie ein Kommentar auf McCraes "In Flanders Fields". 

Hugo Claus

In Flanders Fields

Der Ton hier hat die fetteste Krume.

Auch nach all den Jahren ohne Dung,

hier könntest einen Totenlauch du züchten,

der alle Märkte sprengt.

Die wackligen englischen Veteranen werden spärlich.

Jedes Jahr zeigen sie den spärlicheren Kameraden:
Hill Sixty, Hill Sixty One, Poelkapelle.

In Flanders Fields fahren die Mähdrescher

immer engere Kreise um sich windende Gräben

aus gestampften Sandsäcken, die Gedärme des Todes.

Die Butter dieses Landstrichs

schmeckt nach Klatschmohn.


(Übersetzung Jaap Hoepelman, November 2024)

Hugo Claus
Gedichten 1969-1978/De Bezige Bij

Von der schönen Stadt Ypern und ihrer Tuchhalle war nach Kriegsende nur dies übriggeblieben:


Die Zahl der Opfer der Ypernschlachten betrug insgesamt ungefähr 450.000.

Nach diesem Krieg konnten Gedichte in den südlichen Niederlanden nicht mehr die gleichen sein. Die nördlichen Niederlande waren im 1. Weltkrieg neutral geblieben. Der Bruch mit der alten Ästhetik fand dort erst nach dem 2. Welkrieg statt. 

Hugo Claus war ein äußerst produktiver und vielseitiger Schriftsteller. Zu seinen Arbeiten gehören Romane, Gedichte, Theaterstücke und Drehbücher. Er war Filmregisseur, Redakteur, Übersetzer,  Herausgeber und Mitarbeiter avantgardistischer Zeitschriften. Als Maler war er Teil der Gruppe COBRA

als Dichter gehörte er mit Lucebert zu den wichtigsten "Fünfzigern". Er war einer der einflussreichsten niederländisch-sprachigen Schriftsteller; in der Liste seiner Preise und Auszeichnungen fällt nur der Nobel-Preis durch Abwesenheit auf, aber man munkelt, dass nicht viel gefehlt hat.

Belgien, zersplittert und umkämpft, auf der Bruchlinie der Sprachen und Kulturen, hat große Kunst und häufig darin das Karikaturale, Groteske, Surrealistische und Absurde hervorgebracht. 

          
        James Ensor 1891
Muziek in de Vlaanderenstraat
Musik in der Flandernstrasse


James Ensor. 1889
De Intrede van Christus in Brussel
Christus' Einzug in Brüssel

Es ist kein Zufall, dass der Stoffumschlag von Claus' Magnum Opus "Het verdriet van Belgie",  ("Der Kummer Belgiens"),  das Gemälde "Musik in der Flandernstrasse" des James Ensor (1860-1949) zeigt. Ensor war alles auf einmal: grotesk, surreal und karikatural und "Der Kummer Belgiens" ist es auch. Und mit 775 Seiten ein voluminöser Entwicklungsroman über einen Jungen in einer Umgebung in einem Land zwischen den Blöcken, in dem jede Entscheidung, jede Wahl nur eine falsche sein kann. 
Nur Lüge und Verstellung bleiben übrig. Und so entwickelt der kleine Junge sich zum Schriftsteller, zum Autor der ersten Romanhälfte.





Hans Lodeizen. Der Perk der Fünfziger...?

Hans Lodeizen 1924 - 1950 Hans Lodeizen war der Sohn des Präsident-Direktors der Rotterdamer Reederei Müller&Co* und war als solcher...