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Sonntag, 3. Mai 2026

Gedicht des Monats

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J.H. Leopold
1865 - 1925

In meinem Beitrag über Ida Gerhardt zitierte ich ein Gedicht ihres Lehrers Leopold, eines der vornehmsten Dichter der Wende zum 20. Jahrhundert. Ich beschrieb, wie eher traditionelle Dichter der nachfolgenden Generation, wie Gerhardt, nach dem 2. Weltkrieg Mühe hatten, ihre Anerkennung zu finden, weil die Stilmittel der klassischen Poesie radikal beiseite geschoben worden waren. Es war aber nicht so, dass die Dichter der Jahrhundertwende gezögert hätten, die Regeln der Poetik zu biegen, wenn die Ausdruckskraft es verlangte - und Leopold schon gar nicht: 


Um meinem alten Wohnhaus Pappeln stehen
"mein Lieb, mein Lieb, o wo geblieben"
feuchte Alleen,
gelbe Blätter hinfällig sind.

Es regnet, regnet, eines nur hört man
"mein Lieb, mein Lieb, o wo geblieben"
man vernehmen kann
Überverdruss, still wird der Wind.

Das Haus hallt hohl und düster ist
"mein Lieb, mein Lieb, o wo geblieben"
Geflüster ist
wo Bühne ist, wo Balken sind.

Es wohnt da einer vornübergeknickt
"mein Lieb, mein Lieb, o wo geblieben"
ins Leere blickt
und Frieden nicht und Ruh' nicht findet.

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(Verzen , 1912)

Peppels

Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2019 



Freitag, 1. Mai 2026

Ida Gerhardt. Eine Klassikerin in der falschen Zeit.

Ida Gerhardt 1905-1997

Ida Gerhardt war Dichterin einer Generation, die sozusagen zwischen die Zeiten gefallen war. Nach dem 2. Weltkrieg wurden formfeste Ästhetik, Versmaß, Reimschemen - kurzum, das ganze Instrumentarium der klassischen Poetik im experimentellen Furor der "Fünfziger" als altbacken empfunden. Es hat lange gedauert, bis "Traditionalisten" wie Vasalis, über die ich in einigen Posts berichtet habe, oder eben Ida Gerhardt, wieder Anerkennung fanden. Gerhardt hat unter fehlender Anerkennung gelitten: Ihre psychisch instabile Mutter hatte sie gehasst und abgelehnt als kläglichen Ersatz für ein früh gestorbenes Brüderchen. Sie musste sich den Zugang zum altsprachlichen Gymnasium gegen den Wunsch der Familie erkämpfen, verlor als Studentin die finanzielle Unterstützung und erkrankte aus Armut schwer in ihrer ersten Zeit als Studentin. Aber sie war Schülerin des berühmten Dichters Leopold, der Altsprachen-Lehrer an ihrem Gymnasium war, in dessen Nachfolge sie klassische Philologie studierte und der sie zur eigenen dichterischen Laufbahn inspirierte. Sie promovierte "cum laude" mit einer kommentierten Übersetzung der "De Rerum Natura" des Dichters Lukrez. Einen Namen machte sie sich auch mit einer Übersetzung der "Georgica" des römischen Dichters Vergil und mit der Übersetzung der Psalmen (zusammen mit ihrer Lebensgefährtin), für die sie Hebräisch studierte. Somit überrascht es nicht, dass ihre strenge Poesie sich nach den klassischen Vorbildern richtete und in den turbulenten Zeiten nach dem Krieg nur mühsam Anerkennung fand. Aber diese kam endlich doch: Gerhard bekam die höchsten literarischen Preise der Niederlande und wurde Ritter und Offizier im Orden von Oranje-Nassau. Literaturpreise wurden nach ihr benannt. Das Trauma der Ablehnung in der frühen Jugend konnte sie aber nie überwinden. Es ist das Thema des Gedichtbandes "Het  Levend Monogram" ("Das lebendige Monogramm"), dessen erster Teil die Überschrift "In Memoriam Matris" trägt. "Tristis Imago", das "Jämmerliche Bild" tritt auf in Vergils Aeneis. In ihm sucht Aeneas seinen Vater in der Unterwelt, angespornt durch dessen "Tristis Imago", das ihn nicht ruhen lässt. Das Gedicht "Tristis Imago" ist Teil des "Lebendigen Monogramms", aber das Bild der Aeneis ist in "Tristis Imago" umgedreht: Nicht die Dichterin sucht ihre Mutter, im Gegenteil, sie will eine Begegnung mit aller Macht vermeiden. Es ist's die Mutter, die sich mit Gewalt aufdrängt und die keine Ruhe geben will.


Tristis Imago

Was stehst Du neben meinem Bett, Mutter aus dem Jenseits?
Was machst Du im Gemach in schwarzer Nacht?
Ist denn mein Dasein nie befreit von Deinem Dasein,
dass Deine Heimlichkeit den Schlaf mir drückt wie eine Fracht?

Was redest Du mir zu, Mutter aus dem Jenseits?
Aufwachen will ich nicht, solang Du bei mir bist.
Mein Herz zerspringt, wenn ich muss erleiden
den fürchterlichen Vorwurf auf dem ausgelöschten Antlitz.

Ida Gerhardt (1905-1997)

(Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2026)


Tristis Imago 

In "Het Levend Monogram" Van Gorcum 1955

Im hohen Alter litt Ida Gerhardt unter der paranoide Wahnvorstellung, von Jugendlichen angegriffen zu werden. Es ist nicht ohne Tragik, dass auch ihr Mentor Leopold mit zunehmendem Alter von Wahnvorstellungen gequält wurde, auch er leidend unter fehlender Anerkennung - für eine Professur wurde er übergangen, der Abiturprüfungsausschuß wurde ihm verwehrt, weil er im Unterricht dem grammatikalischen Handwerk zu wenig Aufmerksamkeit widmete. Last not least war seine Liebesbeziehung ein tragisches Fiasko. In seiner Paranoia, verstärkt durch zunehmende Taubheit, umgeben von "Feinden", beendete er immer mehr Freundschaften, plötzlich und ohne Erklärung. Auch die mit Ida Gerhardt, die schockiert war, aber ihn weiterhin verehrte.

Ein Bruder Leichtfuß war er wahrlich nicht. Als ich an der Übersetzung des "Tristis Imago" arbeitete, musste ich an meinen alten Post über eines seiner Gedichte denken:

"O, wenn ich tot werd', tot werd' sein
komm dann und flüstre, flüstre etwas liebes,
die bleichen Augen werd' ich öffnen
und ich werd' nicht verwundert sein.

Und ich werd' nicht verwundert sein;
in dieser Liebe wird der Tod
allein ein Schlafen, Schlafen beruhigt
ein Warten auf dich, ein Warten sein"




Samstag, 11. April 2026

Middelharnis

Ed. Hoornik 1910-1970
 



Von Ed- Hoornik hatte ich aus dem gleichen Band schon mal ein Gedicht übersetzt, das düster profetische "Pogrom".
Auch ein anderes Sonett aus der gleichen Sammlung trauert um ein ertrunkenes Kind:

"Requiem"

In Middelharnis ist ein Kind ertrunken.

Nüchterne Nachricht aus dem Abendblatt:

Neben einem Schober, der sich entzündet hatte

und einem Lastkahn, im Kanal gesunken.

-

Sechs Tage hat es in mir nachgeklungen.

Kollegen fragten: sag mal, hast du was?

Ich schaffte weiter, doch stets wieder hör' ich das:

In Middelharnis ist ein Kind ertrunken.

-

Und Zeitungen verwehen, werden älter,

die Tage werden kürzer und die Nächte kälter,

doch über's Wasser kommt die kleine Stimme.

-

- In Middelharnis, denk' ich, in Gedanken bei ihm

und halt' sein Köpfchen zwischen Herz und Schulter fest

und sing' für es die kleine Totenmesse.


Aus: Verzamelde Gedichten (1966), Herausg. J.M. Meulenhoff

Ursprünglich in ‘Requiem’, in "Steenen" (1939), Herausg. A.A.M. Stols


Te Middelharnis

Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2026



Gedicht des Monats

J.H. Leopold 1865 - 1925 In meinem Beitrag über Ida Gerhardt zitierte ich ein Gedicht ihres Lehrers Leopold, eines der vornehmsten Dichter  ...