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Sonntag, 17. Mai 2026

Gorter. Ein neuer Frühling und ein neuer Klang.

 


Herman Gorter (1864-1927)




November 1888 vollendete Herman Gorter den ersten Gesang seines epischen Gedichtes "Mai". Die 3 Gesänge umfassen 4381 Zeilen, in der Gorter eine Liebe in Metaphern und Rhythmen besingt, die einen Höhepunkt und Endpunkt der Poesie der Achtziger darstellen. Der "Mai" war neu in Mystik, Naturlyrik, Erotik auch - aber er bestand nun mal aus 4381 Zeilen. Es überrascht also nicht ganz, dass eigentlich nur die ersten 20 Zeilen, die ich hier übersetzt habe, berühmt geworden sind. Sie gehören dafür zum Kanon der niederländischen Poesie, sogar in diesen poesielosen Zeiten. 

1890 erschien das Gedichtband "Verzen", das dem "Sensitivismus" zugerechnet wird, in dem, radikaler noch als im "Mai", traditionelle Vorgaben in Grammatik und Semantik der herkömmlichen Verslehre aufgegeben werden, um den Eindruck des Gefühlten unvermittelt hervor zu rufen. 

Gorter war mehr als nur ein impressionistischer Dichter. Er war Altphilologe und Gymnasiallehrer, Übersetzer der Ethica des Spinoza. Später war er aktiv in der sozialistischen und danach in der kommunistischen Bewegung, zum Teil zusammen mit Henriette Roland Holst.


Gorter (dritter von Links) bei einem Meeting der Sociaal Democratische Partij.
Auf seinen Strohhut wollte er nicht verzichten.


1918 übersiedelte er nach Deutschland, wo er die radikaleren Positionen der KPD, anschließend der KAPD vertrat. Er war Mitglied des west-europäischen Sekretariats der Komintern, aber wurde 1920 aus der Führung hinausgeworfen: Seine kompromissloser Kritik an Lenins Broschüre "Der ,linke Radikalismus', die Kinderkrankheit des Kommunismus" wurde ihm nicht in Dank abgenommen, genau so wenig, wie sein Streitgespräch mit Lenin. Von Trotzki wurde er verspottet. Spätere Entwicklungen zeigen, dass Gorter vielleicht nicht ganz unrecht hatte. Nach einigen Aktivitäten in marginalen radikal-sozialistischen Bewegungen, zwangen Herzprobleme ihn dazu, die politische Bühne zu verlassen. Er starb 1927 in der Schweiz, wo er gehofft hatte sich von seinem Herzleiden zu erholen.

Herman Gorter, aus “Mai“, 1888.

I

Ein neuer Frühling und ein neuer Klang:
Ich möcht', dass dieses Lied pfeift wie der Vogelsang,
Den ich öfters hörte vor der Sommernacht
In der kleinen, alten Stadt, entlang der Wassergracht -
Im Haus war's dunkel, doch die Straße am Kanal
Sammelte Dämmer, am Abendhimmel blinkte fahl
Noch Licht, es fiel ein dunkelgoldner Schein
Auf eingerahmte Giebelreihn.
Dann pfiff ein Knabe - so wie eine Orgelpfeife,
Die Klänge schüttelnd in der Luft - so wie reife,
junge Kirschen, wenn der Frühlingswind
Steigt im Gebüsch und seinen Flug beginnt.
Er zog über die Brücken, auf dem Wall
am Wasser, langsam gehend, überall
wie ein junger Vogel pfeifend, unbewusst
der Abendwonnenlebenslust.
Manch müder Mann beim Abendessen
Hörte zu, eine Geschichte, längst vergessen,
Lächelnd, die Hand am Fenstergriff,
Zögerte zeitweilig, während der Knabe pfiff.

Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2020


Mei, I, 1889.

Een nieuwe lente en een nieuw geluid:

Ein Beispiel für Gorters Sensitivismus ist das Liebesgedicht "Zie je ik hou van je" aus "Verzen", 1890,

in dem die Dichterliebe durch hilfloses Gestammel fühlbar gemacht wird. Gekonnte Naivität, freilich. Aber vergleichen wir es mit Jacques Perks Epos "Iris", aus 1881, das seinerzeit als erneuernd galt:


Aus "Iris" (1881)

Ich bin geboren aus der Aurora,
Und einem Seufzer der tosenden See,
Die hoch ist gestiegen, um wie Regen zu fliegen,
Geschwollen vor Verzweiflung und Weh:
Meine Gewänder Perlen durchweben, die beben
Wie Tau auf der Ros', die erblüht,
Wenn schamvoll die Tagbraut zu baden sich traut,
Und vor ihr ein flammender Fächer erglüht.


Damit verglichen stellt Gorters tastende Einfalt tatsächlich etwas völlig neuartiges dar:

Siehst du

Siehst du ich liebe dich,
ich find' dich so leicht wie das Licht -
deine Augen sind so voller Licht,
ich liebe dich, ich liebe dich.

Und deine Nase und dein Mund und dein Haar
und deine Augen und dein Hals, dar-
um das Kräglein und dein Ohr
mit dem Haar davor.

Siehst du ich wollte gerne sein
du, aber es kann nicht sein,
das Licht ist um dich, du bist
nun doch was du nun einmal bist.

O ja, ich liebe dich,
so fürchterlich liebe ich dich,
ich wollte das alles ganz sagen -
Aber kann es doch nicht sagen.

Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2020

Wie bei Henriette Roland Holst war Gorters Kommunismus hauptsächlich ein dichterischer Traum, der mit der hemdsärmeligen Bereitschaft zur gnadenlosen Tyrannei nicht viel zu tun hatte. Dass er nicht bereit war, auf elitäre bzw. großbürgerliche Schrullen zu verzichten, wie das Tennisspiel und das Tragen von eleganten Strohhüten, ist in meinen Augen sympathisch, aber trug gewiss nicht zu seiner Beliebtheit in der revolutionären Bewegung bei.

Zu den Gesängen der späten sozial-revolutionären Periode gehört das Gedicht "Kommt, proben wir zusammen neue Tänze" ("Komt, laat ons samen nu een pasje dansen") -  unsereins wird es nicht mehr erleben, aber wir können felsenfest vom künftigen Licht des Glücks überzeugt sein. So felsenfest, dass die übliche Grammatik nicht mehr ausreicht. Das es zum Schluß "wird" steht fest:

Kommt, proben wir zusammen neue Tänze,
Brüder, wir können es, der Augenblick ist klar.
Kommt, wir tanzen große, runde Kränze,
denn in unsern Herzen steigt die Freude wunderbar.

Auf mit den Füßen, nieder mit den Füßen,
alle, die der Kampf der Arbeiter beglückt,
nie werden wir das reine Glück begrüßen,
dafür zu kämpfen, das ist unser Glück.

Auf die Füße, nieder die Füße, laß klingen
wenn feierlich der Takt der Reigen schwirrt,
tanzend um's Licht, das Glück uns bringen
in der Zukunft, als wir alle starben, wird.

(Übersetzung Jaap Hoepelman Mai 2026)


Sonntag, 3. Mai 2026

Gedicht des Monats


J.H. Leopold
1865 - 1925

In meinem Beitrag über Ida Gerhardt zitierte ich ein Gedicht ihres Lehrers Leopold, eines der vornehmsten Dichter der Wende zum 20. Jahrhundert. Ich beschrieb, wie eher traditionelle Dichter der nachfolgenden Generation, wie Gerhardt, nach dem 2. Weltkrieg Mühe hatten, ihre Anerkennung zu finden, weil die Stilmittel der klassischen Poesie radikal beiseite geschoben worden waren. Es war aber nicht so, dass die Dichter der Jahrhundertwende gezögert hätten, die Regeln der Poetik zu biegen, wenn die Ausdruckskraft es verlangte - und Leopold schon gar nicht: 


Um meinem alten Wohnhaus Pappeln stehen
"mein Lieb, mein Lieb, o wo geblieben"
feuchte Alleen,
gelbe Blätter hinfällig sind.

Es regnet, regnet, eines nur hört man
"mein Lieb, mein Lieb, o wo geblieben"
man vernehmen kann
Überverdruss, still wird der Wind.

Das Haus hallt hohl und düster ist
"mein Lieb, mein Lieb, o wo geblieben"
Geflüster ist
wo Bühne ist, wo Balken sind.

Es wohnt da einer vornübergeknickt
"mein Lieb, mein Lieb, o wo geblieben"
ins Leere blickt
und Frieden nicht und Ruh' nicht findet.

Ähnliches Foto
(Verzen , 1912)

Peppels

Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2019 



Freitag, 1. Mai 2026

Ida Gerhardt. Eine Klassikerin in der falschen Zeit.

Ida Gerhardt 1905-1997

Ida Gerhardt war Dichterin einer Generation, die sozusagen zwischen die Zeiten gefallen war. Nach dem 2. Weltkrieg wurden formfeste Ästhetik, Versmaß, Reimschemen - kurzum, das ganze Instrumentarium der klassischen Poetik im experimentellen Furor der "Fünfziger" als altbacken empfunden. Es hat lange gedauert, bis "Traditionalisten" wie Vasalis, über die ich in einigen Posts berichtet habe, oder eben Ida Gerhardt, wieder Anerkennung fanden. Gerhardt hat unter fehlender Anerkennung gelitten: Ihre psychisch instabile Mutter hatte sie gehasst und abgelehnt als kläglichen Ersatz für ein früh gestorbenes Brüderchen. Sie musste sich den Zugang zum altsprachlichen Gymnasium gegen den Wunsch der Familie erkämpfen, verlor als Studentin die finanzielle Unterstützung und erkrankte aus Armut schwer in ihrer ersten Zeit als Studentin. Aber sie war Schülerin des berühmten Dichters Leopold, der Altsprachen-Lehrer an ihrem Gymnasium war, in dessen Nachfolge sie klassische Philologie studierte und der sie zur eigenen dichterischen Laufbahn inspirierte. Sie promovierte "cum laude" mit einer kommentierten Übersetzung der "De Rerum Natura" des Dichters Lukrez. Einen Namen machte sie sich auch mit einer Übersetzung der "Georgica" des römischen Dichters Vergil und mit der Übersetzung der Psalmen (zusammen mit ihrer Lebensgefährtin), für die sie Hebräisch studierte. Somit überrascht es nicht, dass ihre strenge Poesie sich nach den klassischen Vorbildern richtete und in den turbulenten Zeiten nach dem Krieg nur mühsam Anerkennung fand. Aber diese kam endlich doch: Gerhard bekam die höchsten literarischen Preise der Niederlande und wurde Ritter und Offizier im Orden von Oranje-Nassau. Literaturpreise wurden nach ihr benannt. Das Trauma der Ablehnung in der frühen Jugend konnte sie aber nie überwinden. Es ist das Thema des Gedichtbandes "Het  Levend Monogram" ("Das lebendige Monogramm"), dessen erster Teil die Überschrift "In Memoriam Matris" trägt. "Tristis Imago", das "Jämmerliche Bild" tritt auf in Vergils Aeneis. In ihm sucht Aeneas seinen Vater in der Unterwelt, angespornt durch dessen "Tristis Imago", das ihn nicht ruhen lässt. Das Gedicht "Tristis Imago" ist Teil des "Lebendigen Monogramms", aber das Bild der Aeneis ist in "Tristis Imago" umgedreht: Nicht die Dichterin sucht ihre Mutter, im Gegenteil, sie will eine Begegnung mit aller Macht vermeiden. Es ist's die Mutter, die sich mit Gewalt aufdrängt und die keine Ruhe geben will.


Tristis Imago

Was stehst Du neben meinem Bett, Mutter aus dem Jenseits?
Was machst Du im Gemach in schwarzer Nacht?
Ist denn mein Dasein nie befreit von Deinem Dasein,
dass Deine Heimlichkeit den Schlaf mir drückt wie eine Fracht?

Was redest Du mir zu, Mutter aus dem Jenseits?
Aufwachen will ich nicht, solang Du bei mir bist.
Mein Herz zerspringt, wenn ich muss erleiden
den fürchterlichen Vorwurf auf dem ausgelöschten Antlitz.

Ida Gerhardt (1905-1997)

(Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2026)


Tristis Imago 

In "Het Levend Monogram" Van Gorcum 1955

Im hohen Alter litt Ida Gerhardt unter der paranoide Wahnvorstellung, von Jugendlichen angegriffen zu werden. Es ist nicht ohne Tragik, dass auch ihr Mentor Leopold mit zunehmendem Alter von Wahnvorstellungen gequält wurde, auch er leidend unter fehlender Anerkennung - für eine Professur wurde er übergangen, der Abiturprüfungsausschuß wurde ihm verwehrt, weil er im Unterricht dem grammatikalischen Handwerk zu wenig Aufmerksamkeit widmete. Last not least war seine Liebesbeziehung ein tragisches Fiasko. In seiner Paranoia, verstärkt durch zunehmende Taubheit, umgeben von "Feinden", beendete er immer mehr Freundschaften, plötzlich und ohne Erklärung. Auch die mit Ida Gerhardt, die schockiert war, aber ihn weiterhin verehrte.

Ein Bruder Leichtfuß war er wahrlich nicht. Als ich an der Übersetzung des "Tristis Imago" arbeitete, musste ich an meinen alten Post über eines seiner Gedichte denken:

"O, wenn ich tot werd', tot werd' sein
komm dann und flüstre, flüstre etwas liebes,
die bleichen Augen werd' ich öffnen
und ich werd' nicht verwundert sein.

Und ich werd' nicht verwundert sein;
in dieser Liebe wird der Tod
allein ein Schlafen, Schlafen beruhigt
ein Warten auf dich, ein Warten sein"




Gorter. Ein neuer Frühling und ein neuer Klang.

  Herman Gorter (1864-1927) November 1888 vollendete Herman Gorter den ersten Gesang seines epischen Gedichtes "Mai". Die 3 Gesäng...