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Samstag, 28. Juni 2025

de Afsluitdijk - der Abschlussdeich










M. Vasalis (1909 -1998)
(Margaretha Drooglever-Fortuyn-Leenmans)



Afsluitdijk - Abschlussdeich

Der Bus fährt wie ein Zimmer durch die Nacht
Die Straße ist gerade und der Deich ist endlos
links liegt das Meer, gezähmt doch ruhelos,
wir schauen raus, ein sanfter Mond scheint schwach.

Vor mir die jungen frischrasierten Nacken
von zwei Matrosen, die verhalten gähnen
sich später locker dehnen und danach
unschuldig schlafend an den Schultern lehnen.

Dann seh' ich plötzlich, wie im Traum, im Glas
dünn und durchsichtig mit uns'rem fest verbunden
mal klar wie wir, dann wiederum im Meer ertrunken,
den Geist von uns'rem Bus; das Gras
zerschneidet die Matrosen glatt entzwei.
Dort seh' ich auch mich selbst. Allein
mein Kopf wogt auf der Wasserfläche,
bewegt den Mund als spräche
er, ein märchenhafter Beifang.
Es gibt kein Ende oder Anfang
an dieser Fahrt, Gestern und Morgen angehalten,
nur dieses lange Heute, wunderlich gespalten.



Aus : Parken en Woestijnen. Amsterdam: Stols, 1940

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2025)

Der "Afsluitdijk" (Abschlussdeich), Schnurgerade verlaufend zwischen den Provinzen Noord-Holland und Friesland, trennt er die Gewässer des Wattenmeers (NL: Waddenzee) vom Meerbusen "Zuiderzee" (NL: zee = D: Meer), der sich infolgedessen allmählich in einen Süßwassersee, "IJsselmeer" (D: See = NL: meer - können Sie noch folgen?) verwandelte. Es war eine Spitzenleistung der Wissenschaft und Ingenieurskunst, passend zum „zweiten goldenen Jahrhundert“. Die erforderlichen Untersuchungen und Berechnungen wurden für den Staatsausschuß „Zuiderzee“ unter der Leitung des Physiknobelpreisträgers Hendrik Antoon Lorenz durchgeführt, der mit dieser Arbeit fast zehn Jahre lang beschäftigt war. Am 28. Mai 1932 wurde die letzte Öffnung geschlossen. Es war auch höchste Zeit: Die "Zuiderzee" war ein ausgesprochen gefährliches Gewässer, das bei den Stürmen das Land regelmäßig überflutete, der letzte im Januar 1916, als große Bereiche der Zuiderzeeküste überschwemmt wurden (bis nach Amsterdam, mein Vater erzählte gerne darüber). Ein Jahr später wurde der Verkehrsweg über den Deich eröffnet. In den 1930er-Jahren war eine Busfahrt über den über 32 Kilometer langen Deich selbstverständlich etwas ganz besonderes (und ist es eigentlich immer noch). Als technische Pionierleistung mutet ein Deich nicht auf Anhieb als Grund für poetische Ergüsse an. Aber für Vasalis war er der Anlass für eines der bekanntesten Gedichte der niederländischen Literatur. Der „Abschlussdeich“ handelt von Zweiteilung, von Vorher und Nachher, von der Trennung von Nordsee und Zuiderzee, von der Bezwingung des ehemaligen Wasserungeheuers zum süßen (obwohl unruhigen, denn die Gefahr ist immer da) Binnenmeer, von Traum und Wirklichkeit, von Ordnung und Unordnung. Diese Zweiteilung wird aber aufgehoben in der untrennbaren Verdoppelung des Spiegelbildes des fahrenden Wohnzimmers. Diese Aufhebung bestimmt auch die Struktur des Gedichtes. Der Anfang wird gemacht durch zwei faktisch beschreibende (bis zur Nackenrasur der Matrosen) ordentliche Quartette, die ein Sonett in der besten poetischen Tradition erwarten lassen. Wenn die Matrosen in der letzten Zeile des zweiten Quartetts einschlafen, ist das die Zäsur: Von einem wohlgefügten Sonett kann keine Rede mehr sein. Die Matrosen werden gnadenlos zerschnitten – eine Zweiteilung diesmal ganz ohne Folgen. Der Kopf der Dichterin spricht wogend über Wasser wie ein Märchenwesen, Anfang und Ende, Gestern und Morgen verschwinden. Es bleibt nur ein rätselhaftes, unbeweglich zweigeteiltes Heute. 
So viele Bilder, geballt in so wenigen Zeilen...ich finde es schön.



Sonntag, 8. Juni 2025

Hans Andreus Liebespoesie: Leicht, Elegant.

 

Hans Andreus

1926-1977


Über Andreus Poesie schrieb ich in früheren Posts - seine Gedichte  sind leicht, natürlich und elegant, auch, wie hier, die Liebespoesie.

Für einen morgigen Tag

Wenn ich morgen sterbe
erzähl den Bäumen
wie sehr ich dich liebte.
Erzähl dem Wind,
der auf die Bäume steigt
und aus den Ästen fällt,
wie sehr ich dich liebte.
Erzähl es einem Kind,
jung genug, um zu verstehen.
Erzähl es einem Tier,
versuch' allein es anzusehen.
Erzähl's den Häusern aus Stein,
Erzähle es der Stadt,
wie lieb ich dich hatte.

Aber sag es keinem Menschen,
glauben würden sie's dir nicht.
Glauben wollen würden sie's dir nicht
dass allein ein Mann,
dass allein eine Frau,
dass ein Mensch einen Menschen so liebte,
wie ich dich.

Voor een dag van morgen

Aus: Al ben ik een reiziger
Uitgeverij Holland 1959

(Übersetzung Jaap Hoepelman Juni 2025)

 

Dienstag, 27. Mai 2025

Simon Vestdijk: Schneller schreiben als Gott lesen kann.

 Simon Vestdijk

1898-1971



Vestdijks Denkmal in Doorn

Ich konnte leider keine unmittelbare Hinweise auf Napoleons Verbleib in Doorn zusammengoogeln, außer immer wiederkehrenden auf Vestdijks Gedicht, die mir ja nicht weiter geholfen haben. Da Vestdijk aber ein Großteil seines Lebens in Doorn verbracht hat, kann ihm kann durchaus mal die Dorflegende überliefert worden sein über den Franzosenkaiser, der Unterkunft in einem Hof in Doorn gefunden hätte. Immerhin besuchte Napoleon 1811 auf Inspektionsreise durch die Niederlande Amsterdam
 
Napoleon wird empfangen vor einem Stadttor Amsterdams.
Bild Reinier Vinkeles

und warum sollte er nicht im zentral gelegenen Doorn Biwak gemacht haben?
Herrschaftliche Immobilien gab es in der Gegend in ausreichendem Maße,




das bekannteste wohl das "Haus Doorn", wo ein Jahrhundert später ein anderer Kaiser Refugium fand. 


Haus Doorn

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: Nicht weit von Doorn gibt es einen pyramidenförmigen Hügel, von einem napoleontischen General mit Ägyptenfimmel zu Ehren seines Kaisers errichtet, und später, in Erinnerung an die Schlacht bei Austerlitz „Pyramide von Austerlitz“ getauft wurde. 


Braucht es überzeugendere Hinweise?

Vestdijk war Arzt und dass Napoleon an Magenkrebs gestorben ist wird ihm wohl bekannt gewesen sein. So konnte er der dem bleichen Kaiser vertraute Belagerung mit Blei und Eisen eine wesentlich bedeutendere Belagerung gegenüberstellen.

Der Hof bei Doorn

In diesem Gehöft hat Napoleon

In achtzehnhundertelf die Nacht verbracht.

Es war ein Frühlingstag, lau, ohne Sonne:

Der alte Bote, der Depeschen brachte

Ins Dorf am alten Postweg, wo er Biwak machte,

Schwitzte so stark, dass er es kaum ertragen konnte.


Der kleine Raum, wo jetzt der Kaiser schlief

War staubig, roch nach Kampfer und müffelte großmächtig

Und als ein Hahn vor seinem Fenster rief;

Äußerte der Kaiser sich verächtlich:

"Le coq gaulois!" - man sagt, dass er schlecht schlief,

Die Nacht. Ihm kam der Schlaf beim ersten Nagen nicht

Des Krebses, dem er in der Fremde unterlag...

Die Furcht der Dörfler vor ihm war nur mäßig;

Zu dick war er, der Blick zu flau, 

Zu klein war das Gefolge, - die Wache ließ, nachlässig,

Sie viel zu nah heran, an den getünchten und feierlich

Von Frankreich überflaggten Bau.

Die weiße Festung hat hier immer noch Bestand:

Eine Festung wahrlich, wo der bleiche Kaiser

Zum ersten Mal den Angriff überstand

Von Furcht und Schmerz, anstatt von Blei und Eisen,

Und am unmerklich Fortkriechen des Zeigers

Beim Flackern des Kerzenlichts den Tod verstand.


(Gestelsche liederen

Verzamelde Gedichten, II, 63)


Simon Vestdijk war einer der produktivsten niederländischen Schriftsteller. Er war Romancier, Dichter, Essayist, Übersetzer, Musikkritiker, was Dichterkollegen Roland Holst zur spöttischen Bemerkung veranlasste, dass er schneller schrieb als Gott lesen könne. In seiner Wahlheimat Doorn lebte er eigentlich als ziemlicher Einsiedler, was bei seiner Produktion kaum anders vorstellbar war. Trotzdem war er als Redakteur verschiedener literarischer Zeitschriften tätig, darunter das kurzlebige, aber dafür sehr einflussreiche niederländisch-belgische "Forum" (1932-1935), mit auf der niederländischen Seite M. ter Braak und E. du Perron und auf der belgischen Maurice Roelants.  

Simon Vestdijk mit den Forumredakteuren 
ter Braak und du Perron. 

Vestdijk figurierte sogar 12 Mal in der Vorwahl für den Nobelpreis für Literatur, was für niederländische Schrifsteller das höchst erreichbare ist.

Während des 2. Weltkriegs richtete der Besatzer im Jahr 1942 das Internierungslager "Sint- Michielsgestel" für die niederländische Elite mit einem Regime, das unter den Umständen "erträglich" genannt werden konnte, ein. "Hitlers Herrengefängnis" höhnte einer der Insassen. Vestdijk wurde dort 1942-1943 interniert, in erster Linie wohl wegen seiner Verbindung zu ter Braak und du Perron, beide prominente Nazi-Kritiker, beide bei Kriegsanfang gestorben. Die erleichterten Umstände der Internierung konnten nicht vom eigentlichen Zweck der Gefangenschaft ablenken: Bei gegebenem Anlass immer einige Geiseln für standrechtlichen Erschießungen zur Verfügung zu haben, wie z.B. nach einem - missglückten - Überfall auf einen Güterzug in Rotterdam.

Vestdijk verbrachte seine Zeit in Michielsgestel mit frenetischem Dichten, häufig unter dem Eindruck der immerwährenden Todesdrohung.
Diese Gedichte wurden später als "De Gestelsche Liederen" herausgegeben. "Der Hof bei Doorn" stammt aus diesem Band.
Einige der Werke Vestdijks sind ins Deutsche übersetzt; für eine Übersicht klicke man HIER.



Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...