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Mittwoch, 12. September 2018

Elsschot. Der Buckel spricht.

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Willem Elsschot
1882 - 1960
Antwerpen

In 1934 erschien ein Bändchen "Verzen van Vroeger" - "Verse von Früher" mit 10 Gedichten die Elsschot schon in den Jahren 1910-1912 geschrieben hatte. Es dauerte aber bis 1934 bis er - nach langem Drängen von bekannten Literaten - der Veröffentlichung des Bändchens zustimmte. 6 der Gedichte waren in 1932-33 in der Zeitschrift "Forum" erschienen, der führenden Literaturzeitschrift der Zeit, die sich stark machte gegen den manchmal überkandidelten Ästhetizismus, der sich in der Nachfolge der Achtziger in der Literatur breitgemacht hatte. Elsschots unsentimentale Umgangssprache, noch dazu bereits in den Jahren 1910-12 geschrieben, passte zu der neu-sachlichen Ästhetik des "Forums". Die Zeitschrift setzte sich außerdem für ein engeres Zusammengehen der niederländischen und der flämischen Literatur ein. Der Belgier Elsschot passte also in jeder Hinsicht zur Philosophie der Redaktion. Elsschot hatte schon vorher 4 Romane geschrieben, die kaum wahrgenommen worden waren. Er hatte seine literarische Aktivitäten praktisch aufgegeben und sich seiner Arbeit als Werbemann gewidmet, als seine Gedichte erschienen und sich als großen Erfolg erwiesen. Seitdem ist Elsschot Vorbild für Generationen von Dichtern und Schrifstellern, die eher der unsentimentalen, kunstlosen, sachlichen, umgangssprachlichen Seite des Métiers zugeneigt sind. "Am Totenlager eines Kindes", "Die Ehe" und der "Brief" habe ich in diesem Blog schon übersetzt. Alle zeichnen sich aus durch den verzweifelten Versuch sich einer Lage zu widersetzen, die nicht gut zu machen ist. Der Tod eines Kindes, die Hölle einer Ehe, die vergebliche Rache. Mich erinnern alle an die Ballade des Pendus des François Villon, mit ihrem "envoy" in den Schlusszeilen:


.........
"Prince Jhesus, qui sur tous a maistrie, 
Garde qu'Enfer n'ait de nous seigneurie :
A luy n'avons que faire ne que souldre.
Hommes, icy n'a point de mocquerie;
Mais priez Dieu que tous nous vueille absouldre.."


 So auch "Der Buckel spricht", nur dass der zum Schluss Angesprochene nicht Jesus ist:


Willem Elsschot

Rotterdam 1910.


Der Buckel spricht

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Hier ist der Buckel, das Klappergestell
der Knubbelkerl, der Potzengesell',
der Zwerg, der hochdreht das Gesicht
wenn er mit den Söhnen spricht

Der Baumstumpf mit dem schrägen Stamm,
mit obendrauf ein Riesenschwamm,
nistend dort für alle Tage,
und den kein Mensch davon kann jagen.

Er hockt, solang ich denken kann
ein Teufel mir von Kind bis Mann,
der alles hat versaut, verdorben,
zu meinem Unglück hat er Ruhm erworben.

Auf der Hochzeit mit dabei
den Frack zerschnitten für das Riesenei,
die Braut beschämt, das Fest geklaut,
spuckt Galle auf den Strauß der Braut.

So verübte und verübt er Mord nach Mord,
wenn er nur sitzt und schweigt am Ort,
nicht sieht noch hört, macht keinen Laut,
frißt er mich ganz, mit Haar und Haut.

Ihr, denen keiner kann vergeben
was ihr verbrochen habt im Leben;
Gesindel mit dem schwärzesten Gewissen,
das weder ruhig schlaft, noch isst nur einen Bissen,

die voller Scheu im Schattenreich verkehrt,
kommt her, gebt mir was euch beschwert,
ich werd' es schultern ohne Klagen,
wenn ihr für mich das Ding wollt tragen.


Übersetzung Jaap Hoepelman 11.09.2018

Donnerstag, 6. September 2018

van Eeden


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Nach der napoleonischen Zeit wurden die Südlichen, auch "Österreichischen" Niederlande dem Königreich der Niederlande zugeschlagen. Durch die zweihundertjährige Trennung waren die Unterschiede aber dermaßen gewachsen, dass ein friedliches Zusammenleben unmöglich geworden war. In August 1830 revoltierten die Belgier und ihre Unabhängigkeit wurde Dezember 1830 von den Großmächten (England, Frankreich, den deutschen Staaten) im Vertrag von London anerkannt. August 1831 versuchte König Willem I im Zehn-Tage Feldzug die Einheit wiederherzustellen,

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aber die Londoner Vertragspartner ließen die königlichen Sperenzen nicht zu, und die Kampagne ging aus wie das Hornberger Schießen. In den Niederlanden trat eine wirtschaftliche und kulturelle Malaise ein, in der in der Literatur (bis auf wenigen Ausnahmen) der Ton von den sogenannten Pfarrer-Dichter bestimmt wurde. Es war als ob ein erstickender biedermeierlicher Schleier sich über das Land gelegt hätte. Ab den sechziger und siebziger Jahren aber entstanden explosionsartig neue Bewegungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. In 1881 wurde die literarische Gesellschaft Flanor errichtet in der die neuen Strömungen in Kunst, Literatur, Musik diskutiert wurden. Vielen der Künstler die im niederländische Kulturleben eine wichtige Rolle spielen würden, trafen sich hier. Die Bewegung ist dementsprechend bekannt als die der "Achtziger". 

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Frederik van Eeden war einer von ihnen. Er war einer der Gründer der Zeitschrift De Nieuwe Gids in der die neue Bewegung ihre Ablehnung der frommen Reimemacher zum  Ausdruck brachte. Van Eeden war ein vielseitiger Mann; Dichter, Romancier, Stückeschreiber, Arzt, Psychiater, Utopist, Philosoph...
Eine seiner ersten Veröffentlichungen waren die Grassprietjes (1885, "Grashalme") unter dem Pseudonym Cornelis Paradijs, ein Bündel Satiren auf die frommen Reimler. Ich habe hier ein Fragment übersetzt:
...
Schreibt nur, O Hollands Predigtherren!
Schreibt nur, Ihr, in der Furcht des Herrn:
Schlechten Reims wurde man nie gewahr 
Unter Beffchen und Talar.

In der Lampe funzelt heilges Öl
Dichten ist Ihr Monopöl;-
Der Herr sieht zu und überwacht,
Dass Ihr gute Verse macht.

So schreibt und schreibt, Ihr Seelenathleten
Schreibt mehr, bald werdet Ihr Poeten
Segnend, segnend ruhet Gottes Hand
Auf dem Betrieb im Pfarrgewand.
...

Übersetzung Jaap Hoepelman
07.09.2018


Dank der Achtziger ist die Generation der Pfarrer-Dichter fast vollständig in der Versenkung verschwunden.


Van Eedens eigene Ansprüche gehen aus Gedichten wie diesem hervor:

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Die Wasserlilie als Mauergedicht


Frederik van Eeden
1860-1932

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Die Wasserlilie
1885

Ich hab die weiße Wasserlilie lieb
weil sie so weiß ist und so still die Krone
ausfaltet im Licht.

Steigend hinauf aus dunkel-kühlem Grund
hat sie das Licht gefunden und öffnet sich
erfreut ihr goldnes Herz.

Nun ruht sie sinnend auf der Wasserfläche
und wünscht nichts mehr...







Übersetzung Jaap Hoepelman
06.09.2018


Samstag, 1. September 2018

Vondel. Ein Gehstock überdauert die Zeit



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Vondel 1587 - 1679
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In 1619 fand in Den Haag ein Justizmord statt. Seit der Unabhängigkeitserklärung der Niederlande vom habsburgischen Spanien im Jahr 1581 hatten sich zwei Machtszentren herausgebildet: Die Republikaner und die Orangisten. Leiter der Orangisten war Maurits (Moritz) van Nassau, Sohn des Willem van Nassau, des ersten Leiters des niederländischen Aufstandes. Kopf der Republikaner war Johan van Oldenbarnevelt, Landesadvokat (Ratspensionär) der Provinz Holland, eine Stellung, die auf dem ersten Blick unbedeutend erscheinen mag, aber die, wie vergleichbare administrative Funktionen (etwa die des Lordkanzlers oder Parteisekretärs) zu Macht und Einfluss führte. Maurits kümmerte sich um die militärische Seite des Aufstandes gegen Spanien, van Oldenbarnevelt um die diplomatische. Beide Männer erwiesen sich in ihrem jeweiligen Bereich als äußerst fähig, aber wie kaum anders zu erwarten traten im Laufe der Zeit immer größere Divergenzen bezüglich der Politik und der Kriegsführung auf. Wie fast alles in dieser Epoche waren diese Uneinigkeiten aufs engste mit religiösen Positionen verknüpft. Oldenbarnevelt ergriff die Partei der Arminianer (der toleranteren Strömung), Moritz die der Gomaristen (den strengen Calvinisten). Maurits war ein pragmatischer Mann. Von ihm ist der Ausspruch überliefert, dass er nicht wüsste, ob die Prädestination nun grün, oder blau sei.  Als Heerführer wusste er jedoch genau, auf welcher Seite die stärkeren Batallionen standen. Als Oldenbarneveldt eine eigene Armee für die toleranten, "Arminianischen" Städte aufstellen wollte, erkannte Maurits die Bedrohung für die eigene Position, und gleichzeitig seine Chance. Er ließ van Oldenbarnevelt verhaften und nach einem Jahr, ohne Zugang zu seinen Dokumenten und ohne die Möglichkeit, sich schriftlich zu verteidigen, wurde van Oldenbarnevelt summarisch verurteilt wegen Landesverrats und am nächsten Tag enthauptet. Der "Blutrat" war von Maurits, der Gefallen an der Politik gefunden hatte, mit seinen eigenen Gefolgsleuten besetzt.
Die "Arminianer" waren außer sich vor Zorn. Vondel aber fand einen Weg, den Protest gehör zu verschaffen, und zwar in einer Form, die bis heute durchklinkt, in einer seiner bekanntesten Gedichte, genau wie er es vorhergesagt hatte: "Het stockske van Oldenbarnevelt".



Joost van den Vondel 
1659

Oldenbarnevelts Gehstock

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Mögest du überdauern ohne Rott
O Stock und Stütze: nicht des Landesverrats
Sondern der Freiheit und des Vaterlandes Vater,
Den du gestützt hast auf dem grausamen Schafott;
Als er kniete vor dem blut'gen Schwert
Verurteilt wie einst Seneca,
Durch Neros Hass und sonder Gnad',
Von trauernden Rechtschaffenen verehrt.
So wirst du noch auf lange Zeit
Den Hingang dieses Helds bezeugen,
Und wie Gewalt das Recht konnt' beugen,
Zur Schmach der unterdrückten Freiheit.
Wie häufig hast du, als er steigen musste
Die hohe Trepp' zum Staatenhof hinauf, sich
Mühsam schleppend und gestützt auf dich,
Ihm beigestanden, wie ein dritter Fuß:
Als er, beschwert vom hohen Alter,
Krumm unter dem Gewicht der Unterlagen,
Mußt' die Last der Akten stöhnend tragen,
Doch niemals seinen Rücken krummte!
Ruh' du dich aus von deiner Pflicht,
Wurde auch der alte Stock gestutzt
Durch des Blutrats bitt're Rachelust:
Du stützt und stärkst mir dies Gedicht.

(Übersetzung Jaap Hoepelman 29.08.2018)


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Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...