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Dienstag, 30. Juni 2026

Mehr Khayyam

                       
                                     Omar Khayyam 1048- 1131
   

Aus Khayyams "Rubhaiyat":

Der feste Leib, das stoffliche Gewicht; was ist es?
der Himmelskreis, der Erde Angesicht; was ist es?
in dieser Fehde zwischen Tod und Leben
trägt uns ein Atemhauch – mehr nicht; was ist es? 

+++
Er, der den Himmel schuf, das Rund der Welt,
welch' brennend Leid hat er bereit gestellt!
wieviel rubinen Lippen, wieviel Moschushaar
begrub er unter dunkler Erde, wo's zerfällt
+++
In roter Schönheit ausgebreitet lieg' ich dar;
wozu der Schmerz der Presse gut gewesen war?“
flüstert die Rose. Darauf die Nachtigall:
„ein Tag gelacht, aber geweint ein Jahr.“
+++
Die Welt ist wie ein Beutel Quälerei
ohne den Wein, das Singen der Schalmei;
sinnvoll allein ist das, was Freude macht,
Feste und Frohsinn, der Rest ist einerlei.
+++
Ein Mundvoll Weins wiegt auf den Fürst Kawuss,
das Zepter des Kobads, den Thron des Thuss.*
Ein Liebesseufzer morgens übertrifft
des Tempels Murmeln und den frommen Redefluß.
+++
Wie lang noch werde ich um meine Zukunft beben?
Wie lang noch um mein Glück in Sorge schweben?
Schenk ein; ich weiß nicht mal,
ob ich den Atemzug noch werde überleben.
+++
Aus den Tavernen drängen Stimmen in die Gassen.
Ihr Säufer, die hier Gut und Geld verprassen,
steht auf und füllt die Maß randvoll mit Wein,
denn bald, an andrem Maß, müßt ihr euch messen lassen.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman nach J. H. Leopold, Juni 2026)

* "Kobad", "Kawus": Mythische Großfürsten aus der persischen epischen Geschichte, stehend für absolute Macht un absolutes Herrschertum. "Thus": Der Name ihres Machtzentrums, gegründet vom Fürsten Thus - aber geballte Macht und Herrlichkeit sind nichts gegen einen Schluck Wein...







Dienstag, 23. Juni 2026

Mehr Khayyam, mehr Leopold.

              1048 - 1131

                                                                                                                  
                                                                                                                                                                                  Leopolds Arbeitszimmer


Wo lila Tulpen, Rosen rot gesprossen,
dort ist zeitweilig Königsblut geflossen,
doch unter lila Veilchen liegt
ein Frauenhaupt, von weichem Haar umschlossen.
+++
„Ich bin die Yusufblume*; mein goldner Mund
tut Dir mit Schmuck von meiner Hoheit kund“,
so raunt die Rose. Ich: „Ein Zeichen noch!“
„Die Farbe meines Kleides: Frag nicht nach dem Grund.“
 
Rembrandt 1634. Josef und Potiphars Weib
(Nebenbei gesagt: Bei genauerer Betrachtung wird man feststellen, dass nach Rembrandts Darstellung, "Keuschheit" wohl nicht Josefs Hauptmotiv war.)

Tausend Tage schien das Licht
bis tausend Nächte. Ahnungsloser! trample nicht
auf diesen stumpfen Staub, vielleicht war es
ein Augenapfel, Stern im lieblichen Gesicht.
+++
Töpfer, halt ein! Wahre Scheu und Anstand!
Zum schnöden Haushaltsgegenstand
formst du aus Lehm die stolzen Finger
von Kai Chosrau, von Feridun die Hand.**
+++
Ich liebe Wein und und glaub' an das, was richtig ist.
Mein Glaube ist, dass mir der Glaube schnuppe ist;
Die Welt ist meine Braut; als Mitgift wünscht sie sich?
"Ein unbeschwertes Herz ist, was mir wichtig ist".
+++
Ich ging hin; Unverstand gab's unentwegt,
die Kette meiner Perlen wurde nie gepflegt;
Die Toren! Hundert Kostbarkeiten, erschaut
von mir allein, sind mit mir abgelegt.



(Übersetzungen Jaap Hoepelman, Juni 2026)


*"Yusufblume"Die Geschichte von Yusuf (Josef), Potiphar und Suleicha im alten Testament (Gen 39:1-6, 7-12,13-20) findet man auch im Koran (Sura 12 "Yusuf"). Der Vergleich der Rose, als die schönste Blume, mit dem schönen, keuschen Josef, der sich dagegen wehrt "entblättert" zu werden, war ein beliebtes Motiv in der persischen Literatur (Saadi, Golistan), und wie man sieht war die Josefsgeschichte in ihrer Drastik auch beliebt im niederländischen 17. Jahrhundert.

**Kai Chosrau war ein mythischer, gerechter Herrscher aus dem Geschlecht der Kayaniden.
Feridun: Ein mythischer König aus der Pishdadier-dynastie, Symbol für Gerechtigkeit und Sieg.



Freitag, 19. Juni 2026

Die Rubhaiyat, Leopold und das niederländische "Puntdicht".



                                                                                                                                

Das Epigramm war eine in der Antike hochgeschätzte Kunstform. Es entstand als Inschrift, die zum Nachdenken anregen sollte, z.B. auf Grabsteinen. Das daraus entstandene Kurzgedicht behielt seinen philosophischen Charakter bei. Dem ist es zu verdanken, dass das "Memento Mori" ein häufig wiederkerendes Motiv war. Berühmt ist der Spruch: 
 
„Quod tu es, ego fui; quod nunc sum, et tu eris.“
"ich war, was du bist - was ich bin, wirst du sein"

Das "Memento Mori" finden wir in allen Literaturen, häufig auch bei Khayyam. Wir können sicher sein, dass der Altphilologe J. H. Leopold sich in der Epigramm-Literatur hervorragend auskannte, wie sie u.a. in der "Griechischen Anthologie" gesammelt ist. Es war also eine schöne Gelegenheit, diese unterschiedlichen Traditionen mit einer fast wörtlichen Wiedergabe in einer Übersetzung zusammenzuführen:
Ich schlug den Krug zu tausend Scherben klein,
am Vortag, als ich erwacht von Rausch und Wein;
die Scherben klirrten leise daraufhin:
"ich war wie Du; wie ich bin, wirst Du sein".

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)

Später taucht das "Memento Mori" zusammen mit Horaz' Motiv des "Carpe Diem" ("Pflücke den Tag") auf, das wir auch in den Rubhaiyat wiederfinden. Eine Besonderheit der Khayyamschen Vierzeiler ist das häufig auftretende Reimschema AABA, das den Kurzgedichten eine besondere Spannung verleiht. In den ersten zwei Zeilen wird der Bogen des poetischen Bildes gespannt, in der nicht reimenden dritten  Zeile wird zum Nachdenken innegehalten, in der vierten folgt dann die "Punchline", die "Pointe":

Weil Hoffnung, noch Verzweiflung etwas ändern kann,
komm, trink, wo man mit Frauen lachen kann;
die Kanne reicht umher, aus Deinem Staub
formt eine zweite Kanne bald ein Werkmann.
 



(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)
In den Niederlanden war das Kurzgedicht ein beliebtes Genre, mit in der letzten Zeile mal einer Weisheit, einer spöttischen Bemerkung oder einem frommen Spruch, einer "Pointe", deswegen "Puntdicht". Das "Memento Mori" war nie weit weg, Anlässe gab es ja reichlich. Der Großmeister des Puntdichts, Christiaan Huygens dichtete:

Auf einen der plötzlich verstarb

Gestern war ich noch am Leben,
Heute gebe ich die Seele auf:
Morgen dann der Erde übergeben;
So schnell ist der Welten Lauf.

Huygens konnte auch spöttisch:

Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, 2026)

Leopold kannte sich aus in der niederländischen Literatur und wird sicherlich die Kurzgedichte seiner eigenen Epoche gekannt haben, z.B. von Piet Paaltjens, das berühmte

Wenn ich den Leichbitter sehe,
Dann freut meine Seele sich
Dann denke ich, wie er demnächst
auch bitten wird für mich.

oder die "Leekedichtjes" - "Gedichte für Laien" des Peter de Génestet, in denen man einen neuen skeptischen Zungenschlag hören konnte. Traurige Anlässe gab es im 19. Jahrhundert immer noch reichlich. De Génestet verlor 1859 kurz nach einander seine Frau und sein einjähriges Söhnchen an der Tuberkulose. Sich fügend in sein Schicksal dichtete er:

Gott hat dich schwer geprüft - schon klar,
Ein Trostgrund nur: Ich weiß, dass Er es war.


Zwei jahre später verstarb er selbst an der Krankheit.
Seine aufgeklärte Religiosität findet man in Kurzgedichten wie:

Zwei Koryphäen

"Verrückt ist einer von uns zwei",
Sprach ein Theologe zu der anderen Partei.
"Unsere Glauben widersprechen sich:
Dies ist evident für Sie, das ist's für mich -
Also, nur eins ist möglich: Sie oder ich..."
Oder beide, dachte einer sich 
und - ging vorbei.

Rauswerfen
(Unseren Ketzerjägern)

"Weit", ruft ihr, "werft sie aus der Kirche raus",
Weitet ihr lieber eure Kirche aus!

Diese neu aufgekommene Skepsis hat Leopold in der Kunst Khayyams wiedererkannt und sie hat ihn sicherlich angesprochen. Die poetische Qualität und die Melancholie der Rubhaiyat führten nach Fitzgeralds Übersetzung zu einer Welle der Begeisterung in der europäischen Literatur, nicht zuletzt in der deutschen. In den Niederlanden werden die Übersetzungen von Boutens und Leopold zu deren besten Arbeiten gerechnet. Bei aller Kunstfertigkeit haftete dem niederländischen Kurzgedicht häufig etwas nützlich-prosaisches an. Mit Khayyam haben Leopold und Boutens die Palette der niederländischen "Puntdichten" um eine poetisch-melancholische Dimension erweitert:

Die Reste der Beerdigten sind in der Luft
wie Staub und Asche in das Nichts verpufft,
nicht mal die Ahnung einer Ahnung,
kein Nebel bleibt, nicht mal ein Duft.
+++
Der Tag ist unser, auf alle Winde fahren
die Sorgen, um was uns morgen widerfahren
kann. Morgen
 weiter, mit den Karavanen
unterwegs, seit siebentausend Jahren.
+++
Zu den Ehrenmännern hat er sich stets bekannt,
er hat die Art des Zweifels nie gekannt,
der mürbe macht. Und den wahren Zweiflern
das Leben und die Ehre aberkannt.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman. Juni 2026)

Nach Leopold und Boutens wurde die Tradition des Kurzgedichtes eifrig weiter gepflegt. Einer der bekanntesten Dichter des Genres war Kees Stip - ich kann mir nicht verkneifen, noch einmal zwei seiner zutiefst philosophischen Erzeugnisse in angemessener Form zu würdigen:

Auf eine Eintagsfliege

Eine Eintagsfliege sprach in Kärlich
"Wie ist der Sonnenaufgang herrlich
und wie wundervoll die Stund,
wenn lautlos wird das Sonnenrund
lodernd fort zum Horizont getrieben!
Ach, wär mir noch ein Tag geblieben!"

Auf ein Huhn

Ein Huhn sprach grübelnd einem Ei zu:
"Wer war zuerst, ich oder du?
Jede Philosophie versagt,
wenn man nach der Antwort fragt.
Ich meine, soviel ist belegt,
nie hat ein Ei ein Huhn gelegt."


(Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018)


Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...