Trotz aller Ingenieurskunst blieb eine Reise nach "de Beemster" ein größeres Unterfangen. Im Sommer, der bevorzugten Zeit der Landhausbesitzer, war die Anreise machbar. Im Herbst zogen sich die Herrschaften zurück in die Stadt und im Winter war der Polder fast unzugänglich. Man könnte annehmen, dass die Frau Pastorin Wolff in provinzieller Einsamkeit verkümmern würde. Davon konnte aber keine Rede sein. Sie vertrieb sich die Zeit mit frenetischer Lese- und Schreibarbeit, die unter anderem zu "Beemster-Winter-Buitenleven" - "Beemster-Winter-Landleben" (verfasst 1775, veröffentlicht 1778) führte, eine "voyage autour de ma chambre" avant la lettre, verfasst in zwei Briefen "an eine Freundin"** . Die Briefe bestehen aus gereimten Überlegungen, Erinnerungen, Eindrücken und Stimmungen aus der Polder-Einsamkeit in lockerer Abfolge.
Wenn Wissbegierde es verlangt,
Steig' ich den Alpenhang entlang;
Besuche Chinas Mauerwehr;
Steure entschlossen übers Meer.
Gerade lenk' ich nach Amerika,
Doch bin ich dort den Tränen nah,
Seh' ich das Volk, gesetzlos übermachtet,
Gar wie das red'los' Vieh verachtet,
Durch Habsucht und durch Tyrannei
Verdammt zu schwerster Sklaverei:
Grausam getrieben in den Berg,
Zur Fron verschleppt ins Erzbergwerk.
Hör auf du europäischer Barbar!
Sind dir die Seufzer denn nicht klar?
Die Klagen und der Tränenfluss,
Der selbst ein Monster rühren muss?
Der Sklav', dem du die Frau entrissen hast,
Erdrückt von schwerer Trauerlast,
Dem du die Kinder hast entwendet,
Der angekettet, wie ein Tier verendet,
Mit Kummer, Mangel, Sorge, Streit,
Ein Dasein voller Schmerz erleidet.
Durch Gier zum Tode ausgezehrt,
Auf Feldern von der Sonn' versehrt,
In Minen, wo beim matten Schein
Der Fackeln atmet Stickluft ein,
Und keuchend schnödes Gold auftut,
Das für dich gilt als höchstes Gut;
Du gierst nach Golde, wie ein Unmensch –
Der Sklave, Unhold!, ist ein Mensch!
Er ist ein Mensch. Schaudre beim Wort!
Der Allmächt'ge, der sieht den Tort,
Und sieht das Unrecht, das man tut,
Er schuf uns alle von demselben Blut.
Ich suche Trost im üpp'gen Ort von Penn.
Friedliches Pennsylvanien!
Wo nur die Nächstenliebe Menschen leitet;
Kein Mensch das Sklavenlos erleidet,
Wo wie ein Freund der Herr dem Knecht,
Der dient ihm nach Gesetz und Recht.
Dem wahren Christentum zur Ehre
Gereichen die, welche die Sittenlehre
des Evangeliums betrachten,
Geschöpfe Gottes niemals verachten,
Die im Unglück sich befinden,
Doch für sie Mitgefühl empfinden.
(Beemster-Winter-Buitenleven, Seite 43-45.)
(Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2025)
Betje Wolffs Beschreibung enthält schablonenhafte Elemente der damaligen kritischen Literatur über das Schicksal der süd-amerikanischen Ureinwohner in den Goldminen im 16. Jahrhundert, wie z.B. in Nicolaas Simon van Winters "Monzogo" (1774). Diese Herangehensweise hatten den Vorteil, dass nicht unmittelbar auf realen Aufstände der Sklaven in der Karibik eingegangen werden musste, wie etwa den Berbice-Aufstand in 1763. Wolffs Erwähnung der paradiesischen Umständen in Pennsylvanien, wo die Quaker 1774 die Sklaverei beendet hatten, läßt zudem vermuten, dass sie im Jahr 1775 wohl ein realistischeres Bild der Sklaverei in Nord-Amerika hatte, als in ihrem Gedicht dargestellt wird. Betje Wolffs Abneigung vertiefte sich als sie im französischen Exil (nach der orangistischen Konterrevolution) den Pastor Benjamin-Sigismond Frossard kennen lernte, dessen abolitionistische Verhandlung "La cause des esclaves nègres (1789)" sie im Jahr 1790 übersetzte. Im quasi-autobiographischen "Geschrift eener bejaarde vrouw" ("Aufzeichnungen einer alten Frau") (1802, gemeinsam mit Aagje Deken) wird an diese Ablehnung noch einmal aufgegeriffen und die Vermutung ausgesprochen, dass die eigene Familie nicht unbeteiligt war. ^Bereits 1798 schrieb Betje einer Freundin, dass sie Verwandten in Vlissingen nicht besuchen wollte, weil ihr – wie sie schrieb – Sklavenhändler zuwider waren.*** Im Übrigen wird dem/r postmodernen Leser/in nicht entgangen sein, dass Wolffs Gedicht aus heutiger Sicht nicht gänzlich frei ist von inkorrekten Wendungen. Man entkommt seiner Zeit und seiner Gesellschaft nicht, wie ich schon sagte.
Nach dem Ableben des Pastors Wolff zog Betjes Brieffreundin Aagje Deken zu ihr. Die Zusammenarbeit der beiden Schriftstellerinnen entwickelte sich so intensiv, dass sich nicht mehr bestimmen lässt, wer für welchen Teil der mit großem Erfolg entstandenen Schlüsselromane der Emanzipation in den Niederlanden wie "Sara Burgerhart" und "Willem Leevend" zuständig gewesen ist. Das, allerdings, wäre ein Thema für einen anderen Blog.
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Nach dem Auszug aus dem alten Pfarrhaus wohten Betje und Aagje von 1777 bis1782 zusammen im "de Rijp", unermüdlich arbeitend an ihrem ständig wachsendem Oeuvre. De Rijp ist ein reizvolles, gut erhaltenes Dorf auf dem alten Land an der Grenze des Beemster Polders. Leicht kann der Verbleib in der beengten Behausung nicht gewesen sein. Die Atmosphäre war ungesund; die Schriftstellerinnen litten unter zahlreichen Krankheiten. Es war feucht und es stank. Aagje beschwerte sich in einem Brief über den penetranten Gestank vom Walfischtran aus gekochtem Walfischspeck und von den faulenden Fellen und Häuten der Gerbereien in unmittelbarer Nachbarschaft. Walfisch? De Rijp war ein wohlhabender Ort und eines der größten Walfangdörfer der Niederlande. Ein Großteil der niederländischen Walfangflotte wurde dort ausgerüstet. Heute organisiert das "Scheepvaartmuseum" regelmäßige Ausflüge zu den historischen Schauplätzen der Rijper Walfahrt. Von den Grundlagen der Wohlfahrt zur Museumspädagogik der Walfahrt – man würde fast beginnen an Hegels Dialektik der Geschichte zu glauben.
* Eine Biografie der Betje Wolff (auf Niederländisch)
** Maria Van der Mieden-Cardinaal. P.J. Buijnsters.
*** Material aus Willy Tibergien und Dick Welsink , Aarts' letterkundige almanak, 1988/1991.
**** Die Punktgravure war eine im 18. Jahrhundert in den Niederlanden entwickelte Technik der Glasgravur. Frauenporträts in dieser Technik sind selten, als bekanntes Beispiel wird oft eine Darstellung der Wilhelmine von Preußen genannt. Dass die Porträts der Schriftstellerinnen in dieser anspruchsvollen Technik ausgeführt wurden, unterstreicht die herausragende Rolle, die sie spielten.