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Freitag, 9. Januar 2026

Betje Wolff: Über die Sklaverei im Land der Pfarrer und Kaufleute.





Vlissingen ist eine kleine Stadt im äußersten Südwesten der Niederlande auf der Insel Walcheren in der Provinz Zeeland. Klein, aber nicht ohne. Durch die Lage an der Mündung der Schelde beherrscht sie den Zugang zum Antwerpener Hafen und war entsprechend begehrt und umkämpft. Spanier, Engländer, Franzosen, Deutsche wechselten sich in ihren Versuchen ab, diesen Schlüsselort zu beherrschen und sie geizten nicht mit Bomben und Raketen. Im vorläufig letzten Waffengang, Anfang November 1944,  nahmen britische und kanadische Truppen Vlissingen nach schweren Kämpfen ein. Durch die Bombardierung der Deiche wurde die Insel unter Wasser gesetzt, Vlissingen wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. Durch die exponierte Lage war Vlissingen vorbestimmt, Handels- und Kriegsmarinehafen und reich  zu werden. Der Reichtum der Stadt wurde seit dem Mittelalter
durch Fisch, Salz, Wein und Schiffsbau bestimmt, im 17. und 18. Jahrhundert auch durch Kolonialwaren, wie Gewürze, Textilien und Porzellan. Es gab aber noch andere Vlissinger Wirtschaftszweige, sehr wichtige sogar, aber lange Zeit nur zögerlich erwähnt: Piraterei und Sklavenhandel. Sklaven waren Handelsware und der Sklavenhandel war ein Industriezweig, mit Haupt- und Zulieferbetrieben für den Dreieckshandel: Die Handelsschiffe wurden in Vlissingen mit Gütern beladen, die an der Westküste Afrikas begehrt waren und gehandelt wurden gegen die dort angebotenen Sklaven. Diese wurden in die Karibik verfrachtet und verkauft, woraufhin die Schiffe nach Vlissingen zurück segelten mit Produkten aus den amerikanischen Plantagen. Es wird geschätzt, dass 70% der Niederländischen Sklavenschiffe von Vlissinger Kaufleuten ausgestattet wurden. Die Piraterei war ebenfalls eine wirtschaftliche Aktivität von größter Bedeutung.  In wissenschaftlichen Studien wird Vlissingen ein "Piratennest" genannt. Vlissinger Piraten waren berüchtigt in der ganzen Karibik. Das spanische Wort "pichelingue" für Pirat ist sogar abgeleitet von "Vlissingen", eine Ehre, die nicht jede Kleinstadt für sich in Anspruch nehmen kann.
Die Niederlande werden wohl ein Land von Kaufleuten und Pfarrern genannt. Im Vlissingen des 18en Jahrhunderts funktionierte diese Arbeitsteilung nahezu reibungslos. Die Kaufleute kümmerten sich um den Umsatz und wurden in ihrer merkantilen Flexibilität nur gelegentlich durch moralische Bedenken gehemmt. Die Pfarrer sorgten sich um den sittlich einwandfreihen Lebenswandel der Bürger. Als die quirlige, begabte Elisabeth ("Betje") Bekker *, die 17-jährige Tochter eines Gewürzhändlers, in 1755 mit einem Fähnrich der Armee der Republik durchbrannte, löste das einen gewaltigen Skandal aus. Betjes Teilhabe am Abendmahl wurde verboten, sie mußte öffentlich ihre Schuld bekennen und wurde vom sozialen Leben der Stadt ausgeschlossen. Sie war nicht länger eine akzeptable Partie für ehrsame Kaufmannssöhne. Die fromme Atmosphäre des Hafenstädchens, nur gemildert durch ihr Selbststudium der Philosophie und Literatur der Aufklärung, muss für Elisabeth unerträglich gewesen sein. In einem Porträt wird sie als angeblich 16-jährige dargestellt, mit einer Kopie von Popes "Essay on Man" demonstrativ in der Hand. Marita Mathijsen hat in ihrem Blog nachgewiesen, dass Betje zur Zeit des Entstehens dieses Bildes unmöglich 16 gewesen sein kann . Man hat die Fehldeutung lange bedenkenlos geglaubt. Sie zeigt, wie sehr man von den Fähigkeiten der jungen Savante überzeugt war. Später hat Betje Wolff Popes "Essay on Man" tatsächlich als "Proeve over den Mensch" ("Versuch über den Menschen") übersetzt. 



Ein Ausweg für die junge Elisabeth Bekker war die Ehe im Jahr 1759 mit dem 30 Jahre älteren Adrianus Wolff, einem freisinniger Pastor im weit entfernten Polder "de Beemster". Die Eheleute hatten sich durch ihre beidseitigen literarischen Interessen und Aktivitäten kennengelernt, was dafür spricht, dass der intellektuelle Umgang mit der Teenagerin zumindest nicht als unter der Würde des gelehrten Pastors betrachtet wurde.  

Das Pfarrhaus in Middenbeemster

"De Beemster" lag wirklich weitab vom Schuss. Am Ende des 16. Jahrhunderts gab es keinen Polder, sondern eine große See nördlich von Amsterdam, Teil einer Sumpflandschaft, die sich immer bedrohlicher in das Land hineinfraß.

Der See "De Beemster", ungefähr in der Mitte der Seenplatte

Als Betje Wolff in 1759 zu ihrem Pfarrer in Middenbeemster, dem Hauptort des Beemster Polders zog, hatte die Lage sich vollkommen geändert. Durch Verbesserungen im Windmühlenbau und in der Vermessungskunde konnten, angefangen in 1596, die Nord-Holländischen Seen einer nach dem anderen trocken gelegt werden. "De Beemster" lag 3,5 Meter unter dem Meeresspiegel. Die Trockenlegung dauerte von 1607 bis 1612. Überraschend schnell, in meinen Augen. Das Ergebnis war eine streng geometrisch angelegte Landschaft, eine der ersten dieser Art:

Geodätische Karte von "de Beemster" 1658


Als die neue Frau Pastorin Wolff nach Middenbeemster zog, war der Polder 150 Jahre alt und zu einer blühenden Landschaft geworden. Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch Kaufleute, die ihre Gewinne aus der VOC, später auch aus der WIC (Verenigde Oostindische Compagnie, bzw. West Indische Compagnie) als Risikokapital in die Trockenlegungen investierten. Nach und nach wurden in de Beemster stattliche Landhäuser gebaut, in denen die Kaufleute die Sommermonate verbringen konnten. Nach dem "Katastrophenjahr" 1672, ging es mit der Republik bergab, politisch, wirtschaftlich und kulturell. Als klares Zeichen für den Niedergang und allmählig fehlendes Kapital kann man die Schleifung im 18. und 19. Jahrhundert dieser Landhäuser auffassen, von denen es in de Beemster um 1640 ungefähr 50 gab. Das einzig erhaltene Beemster Landhaus "Rustenhove", obwohl nicht das imposanteste, gibt einen Eindruck:


Trotz aller Ingenieurskunst: Eine Reise nach "de Beemster" war ein größeres Unterfangen. Im Sommer, die bevorzugte Zeit der Landhausbesitzer, war die Reise machbar. Im Herbst zogen sich die Herrschaften zurück in die Stadt und im Winter war der Polder fast unzugänglich. Man könnte annehmen, dass Frau Pastorin Wolff in provinzieller Einsamkeit verkümmern würde. Davon konnte aber keine Rede sein. Sie verkürzte die Zeit mit frenetischer Lese- und Schreibarbeit, die unter anderem zu "Beemster-Winter-Buitenleven" - "Beemster-Winter-Landleben" (1775, veröff. 1778) führte, eine "voyage autour de ma chambre" avant la lettre, in zwei Briefen "an eine Freundin"** . Die Briefe bestehen aus gereimten Überlegungen, Erinnerungen, Eindrücke, Stimmungen aus der Polder-Einsamkeit in lockerer Reihenfolge. 
Das "Beemster-Winter-Landleben" enthält ein sehr bekannt gewordenes Fragment über die Sklaverei. Betje hat die Sklaverei gehasst und vermutete, dass ihre eigene Familie davon profitiert hat (darüber unten mehr). Die Ironie der Geschichte wollte, dass die Flucht von Vlissingen nach "de Beemster" auch eine Flucht war von einem Ort, der reich geworden war von der Sklavenhandel, zu einem Ort, in dem das Kapital aus Kolonialgeschäften aller Art, auch vom Sklavenhandel, gewinnbringend angelegt worden war. Man entkommt seiner Zeit und seiner Gesellschaft eben nicht. 
Betjes Entrüstung über den Sklavenhandel, insbesondere nachdem sie, zusammen mit Aagje Deken, zu einer landesweit bekannten Autorin aufgestiegen war, hat aber sicherlich in aufgeklärten Kreisen eine bedeutende Rolle gespielt. Es hat aber in den Niederlanden noch lange gedauert, bevor die Sklaverei endgültig beendet wurde (1863-1873 in Suriname).

 Wenn Wissbegierde es verlangt,

Steig' ich den Alpenhang entlang;

Besuche Chinas Mauerwehr;

Steure entschlossen übers Meer

Gerade lenk' ich nach Amerika,

Doch bin ich dort den Tränen nah,

Seh' ich das Volk, gesetzlos übermachtet,

Gar wie das red'los' Vieh verachtet,

Durch Habsucht und durch Tyrannei

Verdammt zu schwerster Sklaverei:

Grausam getrieben in den Berg,

Zur Fron verschleppt ins Erzbergwerk.

Hör auf du europäischer Barbar!

Sind dir die Seufzer denn nicht klar?

Die Klagen und der Tränenfluss,

Der selbst ein Monster rühren muss?

Der Sklav', dem du die Frau entrissen hast,

Erdrückt ist von der Trauerlast,

Dem du die Kinder hast entwendet,

Der angekettet, wie ein Tier verendet.

Mit Kummer, Mangel, Sorge, Streit,

Ein Dasein voller Schmerz erleid't.

Durch Gier zum Tode ausgezehrt,

Auf Feldern von der Sonn' versehrt,

In Minen, wo beim matten Schein

Der Fackeln atmet Stickluft ein,

Und keuchend schnödes Gold auftut,

Das für dich gilt als höchstes Gut;

Du gierst nach Golde, wie ein Unmensch,

Der Sklave, Unhold!, ist ein Mensch!

Er ist ein Mensch. Schauder' beim Wort!

Der Allmächt'ge, der sieht den Tort,

Und sieht das Unrecht, das man tut,

Schuf uns und ihn vom gleichen Blut.

Ich suche Trost im üpp'gen Ort von Penn.

Friedliches Pennsylvanien!

Wo's Nächstenliebe ist, die Menschen leitet;

Kein Mensch das Sklavenlos erleidet,

Wo Herr ist wie ein Freund dem Knecht,

Der dient ihm nach Gesetz und Recht.

Dem wahren Christentum zur Ehre

Gereichen die, welche die Sittenlehre

des Evangeliums betrachten,

Geschöpfe Gottes nie verachten,

Die im Unglück sich befinden,

Doch für sie Mitgefühl empfinden.

(Beemster-Winter-Buitenleven, Seite 43-45.)

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2025)

Betje Wolffs Beschreibung enthält schablonenhafte Elemente der kritischen Literatur über das Schicksal der süd-amerikanischen Ureinwohner in den Goldminen im 16. Jahrhundert, z.B. Nicolaas Simon van Winters "Monzogo" (1774). Diese Herangehensweisen hatten den Vorteil, dass nicht unmittelbar auf Aufstände der Sklaven in der Karibik eingegangen werden musste, z.B. auf den Berbice-Aufstand in 1763. Wolffs Erwähnung der paradiesischen Umständen in Pennsylvanien, wo die Quaker 1774 die Sklaverei beendet hatten, läßt die Vermutung zu, dass sie 1775 wohl ein realistischeres Bild der Sklaverei in Nord-Amerika hatte, als in ihrem Gedicht dargestellt wird. Betje Wolffs Abneigung vertiefte sich als sie im französischen Exil (nach der orangistischen Konterrevolution) den Pastor Benjamin-Sigismond Frossard kennen lernte, dessen abolitionistische Verhandlung "La cause des esclaves nègres (1789)" sie 1790 übersetzte. Im quasi-autobiographischen "Geschrift eener bejaarde vrouw" ("Aufzeichnungen einer alten Frau") (1802, zusammen mit Aagje Deken) wird an die Ablehnung noch einmal referiert und die Vermutung ausgesprochen, dass die eigene Famlilie nicht unbeteiligt war. Schon 1798 schrieb Betje einer Freundin, dass sie Verwandten in Vlissingen nicht besuchen wollte, weil, wie sie schrieb, Sklavenhändler ihr zuwider waren.*** Im Übrigen wird dem/r postmodernen Leser/in nicht entgangen sein, dass Wolffs Gedicht aus heutiger Sicht nicht gänzlich frei ist von inkorrekten Wendungen. Man entkommt seiner Zeit und seiner Gesellschaft nicht, wie ich schon sagte.

William Penn

Nach dem Ableben des Pastors Wolff zog Betjes Brieffreundin Aagje Deken zu ihr. Die Zusammenarbeit der beiden Schriftstellerinnen entwickelte sich so intensiv, dass nicht mehr zu entscheiden ist, wer für welchen Teil der mit großem Erfolg entstandenen Schlüsselromane der Emanzipation in den Niederlanden wie "Sara Burgerhart" und "Willem Leevend" zuständig gewesen ist. Das, allerdings, wäre ein Thema für einen anderen Blog.


Aagje Deken, Betje Wolff. Punktgravuren.
Rijksmuseum Amsterdam.****

===

Nach dem Auszug aus dem alten Pfarrhaus wohten Betje und Aagje von 1777 bis1782 im Dorf "de Rijp" zusammen und schufteten an ihrem ständig wachsendem Oeuvre. De Rijp ist ein reizvolles, gut erhaltenes Dorf im alten Land auf der Grenze des Beemster Polders. Leicht kann der Verbleib in der beengten Behausung nicht gewesen sein. Die Atmosphäre war ungesund. Die Schriftstellerinnen litten unter vielen Krankheiten. Es war feucht und es stank. Aagje beschwerte sich in einem Brief über den Gestank vom Walfischtran aus gekochtem Walfischspeck und von den faulenden Fellen und Häuten der Gerbereien unmittelbar in der Nähe. Walfisch? De Rijp war ein reiches Dorf, eines der größten Walfangdörfer der Niederlande. Ein Großteil der niederländischen Walfangflotte wurde dort ausgerüstet. Das "Scheepvaartmuseum" organisiert regelmäßige Ausflüge zu den Schwerpunkten der Rijper Walfischfahrt. Von den Grundlagen der Wohlfahrt zur Museumspädagogik der Walfahrt - man würde fast anfangen an Hegels Dialektik der Geschichte zu glauben.

De Rijp, Dorfkern. 

Heutiger Zustand der Häuschen
 in denen Betje Wolff und Aagje Deken lebten 
von 1777 bis 1782

Eine Biografie der Betje Wolff (auf Niederländisch) 

** Maria Van der Mieden-CardinaalP.J. Buijnsters.

***  Material aus Willy Tibergien und Dick Welsink , Aarts' letterkundige almanak, 1988/1991.

**** Die Punktgravure war eine im 18. Jahrhundert in den Niederlanden entwickelte Technik der Glasgravure. Frauenporträts in der Technik sind selten, als Beispiel wird eine Darstellung der Wilhelmine von Preußen genannt. Die Porträts der Schriftstellerinnen in dieser Technik zeigen welche hervorgehobene Rolle sie spielten.

Dienstag, 17. September 2024

Herzog Jan






Herzog Jan I von Brabant
1252-1294
Aus den Brabantse Yeesten von Jan van Boendale (1440-1450)

Dass das bemerkenswerte Verhältnis zwischen Köln und Düsseldorf nicht an letzter Stelle einem niederländischen Minnesänger zu verdanken ist, war mir nicht bekannt, bis ich mich für dieses Kapitel ans Werk machte.  
Das herkömmliche Bild des lieblichen Minnesängers kann ziemlich in die Irre führen:  


Der Minnesänger Herzog Jan I von Brabant verdiente seine Sporne in erster Linie als Draufgänger in der Schlacht und als gefürchteter Raufbold in Turnieren.
Den Düsseldorfern ist die Schlacht von Worringen (1288) ein Begriff. Das Düsseldorfer Stadterhebungsmonument erinnert daran und hat für mich Ähnlichkeit mit dem Minnesänger...

Detail Düsseldorfer Stadterhebungsmonument.

Die Hauptkontrahenten in der Schlacht waren der Kölner Erzbischof, Siegfried von Westerburg, und Rainald von Geldern auf der einen Seite und eben Herzog Jan (Johann) I von Brabant auf der anderen.

Es war keine geringe Sache. Mehr als 10.000 Kombattanten waren an der Schlacht beteiligt, darunter tausende Ritter. Um die 2000 Tote soll es gegeben haben.


Die Schlacht von Worringen.
Aus den Brabantse Yeesten von Jan van Boendale (1440-1450)

Die Liste der Interessenten erstreckt sich bis hinauf zum Papst und zum französischen König und liest sich wie ein who-is-who des nord-west europäischen Adels. Die Teilnehmer waren alle in irgendeiner Art mit einander verwandt oder verschwägert. So waren Rainald von Geldern und Jan I von Brabant Schwäger,  verheiratet mit Halbschwestern aus dem Hause Dampierre. Die Dampierres hatten sowieso überall die Finger drin, wir erinnern uns, dass auch Margarete, Gräfin von Konstantinopel mit einem Dampierre, Wilhelm, verheiratet war, für dessen Anspruch auf die Grafschaft Holland eine Armee in die Schlacht um Walcheren geschickt, und vernichtend geschlagen wurde.
Rainald von Gelderns erste Ehe endete mit dem frühen Tod seiner Gattin, Irmgard von Limburg. Rainald leitete daraus einen Anspruch auf das Herzogtum Limburg ab. Leider hatte Jan I von Brabant die Rechte auf Limburg bereits einem von Irmgards Verwandten, Adolf Graf von Berg, abgekauft. Rainald, jetzt verheiratet mit einer Dampierre, konnte den Brabanter Machtgewinn nicht akzeptieren, ebenso wenig wie der Bischof von Köln, Siegfried von Westerburg. Vermittlungsversuche scheiterten, es musste zur Schlacht kommen.  Auf Rainalds Seite war das Haus Luxemburg mit von der Partie. Auf Herzog Jans Seite kämpften Kölner und Düsseldorfer Bürger für ihre Rechte gegenüber dem Kölner Erzbischof.
Jan I, der minnesingende Herzog, erschlug im Laufe des Gefechtes Heinrich VI und 3 seiner Brüder und damit eine ganze Generation des Hauses Luxemburg. Um es kurz zu fassen: Nach einer wüsten Metzelei obsiegte Jan.

Herzog Jan im Codex Manesse
1305-1315. Man sieht das Banner mit dem Limburger  (rot) und 
dem Brabanter Löwen (gold).

Ein Bild in der Nuova Cronica stellt die Niederlage Rainalds dar. In den Händen hält Rainald Federn als Zeichen der Kapitulation. Links neben ihm die erschlagenen Luxemburger. In der Mitte rechts Herzog Jan, mit dem entsprechend neugestalteten Wappenschild der Brabanter.

Die Kapitulation des Reynalds von Geldern, Nuova Cronica


Düsseldorf  erhielt als Dank für die Unterstützung die Stadtrechte.

Herzog Jan war nicht nur ein wüster Raufbold. Er ist in Brabant noch in einer anderen Eigenschaft bekannt, sogar beliebt geworden: Als Kulturmäzen. Am Brüsseler Hof begann man Urkunden allmählich auf Niederländisch anstatt Französisch zu verfassen. Jan liebte und förderte Musik, Sang- und Dichtkunst, gutes Essen und einen guten Tropfen. Einer Überlieferung nach ist der Name des legendären Königs des Bieres, Gambrinus, eine Verballhornung von "Jan Primus" und eine schöne Überlieferung sollte man nicht ohne Not aus der Hand geben.


Im Übrigen: Die Biermarke "Hertog Jan" wird noch heute in Brabant und Limburg (NL) angeboten.

                                    


Der Herzog befleißigte sich selber als Minnesänger. An seinem Hof  waren deutsche, niederländische und französische Sänger tätig. Im Codex Manesse sind von Jan selber verfasste Minnesänge enthalten, angelehnt an französischen Mustern, in einer ins Hochdeutsche tendierende Sprache.**  Das bekannteste wohl:

Eens meien morgens vroege
Was ic opghestaan;
In een scoen boemgerdekine
Soudic spelen gaen.
Daar vant ic drie joncfrouwen staen,
Si waren so wale ghedaen,
Dene sanc voor, dander sanc na:
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!

Doe ic versach dat scone cruut
In den boemgardekijn,
Ende ic verhoorde dat suete gheluut
Van den magheden fijn,
Doe verblide dat herte mijn,
Dat ic moeste singhen na:
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!

Doe groette ic die alrescoenste
die daer onder stont.
Ic liet mine arme al omme gaen
Doe ter selver stont;
Ic woudese cussen an haren mont;
Si sprac: “Laet staen, laet staen, laet staen”.
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!

Mein Versuch:


Eines Morgens früh in Mai
Wollt' ich keine Zeit verlieren;
In der schönen Obstbaumwiese
Wollte ich mich verlustieren.
Ich sah bald drei Jungfern fein,
Schöner könnten sie nicht sein,
Sie standen wechselsingend da:
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!

Als ich die schönen Blüten sah
In der Obstbaumwiese,
Und hörte eh' ich's mir versah
Das Singen von den Mägden fein,
Könnt' ich glücklicher nicht sein,
Und sang im Einklang mit der Schar:
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!

Dann grüßte ich die allerschönste,
Die in ihrer Mitte stand.
Innig wollt' ich sie umschlingen,
Auf der Stelle, gleich, wo ich sie fand;
Ob sie aufs Küssen sich verstand?
Sie sprach: "Es wird und wird Dir nicht gelingen".
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!

( Jaap Hoepelman, Jan. 2022)

mit der kryptischen Zeile "Harba lori fa!", die als Okzitanisch (die Sprache der Troubadoure), Latein Herba flores facit’ , gedeutet wird, d.h. als eine erotische Anspielung: "Im Gras sprießen die Blümelein". Es ist bekannt, dass Herzog Jan eine Menge Blümelein hat sprießen lassen.
Das wiederum erinnert mich an das bekannte niederländische Volksliedchen, durch Hoffmann von Fallersleben ins Deutsche übernommen, in dessen Version leider die Erotik der Tugendhaftigkeit Platz gemacht hat:

De winter is vergangen
Ik zie des meis virtuut.
Ik zie die looverkens hangen,
Die bloemkens spruten in 't kruud.
In genen groenen dale
Daar is't genoeglijk zijn,
Daar zinget die nachtegale,
End' zoo menig vogelkijn.

"Die bloemkes spruten in 't kruud." - 'Herba flores facit', - "Harba lori fa!". Ach so!
Das hat man uns in der Grundschule nicht beigebracht.

Hier Hoffmanns entschärfte Version:

Der Winter ist vergangen,
ich seh des Maien Schein,
ich seh die Blümlein prangen,
des ist mein Herz erfreut.
So fern in jenem Tale,
da ist gar lustig sein,
da singt Frau Nachtigale
und manch Waldvögelein.

Hertog Jans Fähigkeiten als Kämpfer wurden ihm zum Verhängnis. 1294 wurde er in Bar-Le-Duc in einem Turnier getötet. Er wurde in Brüssel bestattet, more teutonico, was mich auf eine morbide Art fasziniert. Sein Leichnam wurde gekocht? Wieso das denn?*

*Inzwischen habe ich mich etwas schlauer gemacht. Der "mos teutonicus" war eine Methode,
verstorbene Kreuzritter ("Teutonen" in einem weiten Sinne) zurück nach Europa zu befördern,
ohne die unangenehmen Folgen des monatelangen Transports zurück in die Heimat, wo die Ritter
bevorzugt beerdigt werden wollten. Der Körper wurde in Wasser oder Wein gekocht, das Fleisch
gepökelt für den Transport, wenn es nicht in Palästina beerdigt wurde und das Skelett gereinigt.
Das erklärt natürlich nicht, weswegen ausgerechnet Herzog Jan, der seine martialische
Fähigkeiten eher in der Gegend Kölns beweisen konnte als in Palästina, more teutonico
beerdigt wurde. Vielleicht war man der Meinung, dass eine Zubereitung in Wein noch am ehesten 
mit den herzöglichen Angewohnheiten vor seinem Ableben in Übereinstimmung zu bringen war.

** Frank Willaert "Niederländische Lyrik"

Freitag, 25. Juni 2021

van Maerlant, der erste Großdichter

 

Jacob van Maerlant, um 1230 - 1290


Im "Binnenhof", im Regierungsviertel in Den Haag, befindet sich der altehrwürdige "Ridderzaal". 

                                       

Der Saal ist immer noch in Gebrauch. Jedes Jahr, am 3. Dienstag in September, wird hier vom Staatsoberhaupt die Thronrede verlesen.


Graf Willem II hat 1248 den Bau des Rittersaals angefangen und sein Sohn, Floris V, hat das Werk rund 1280 vollendet. Glück hat der Bau seinen Erbauern nicht gebracht. 


Willem II, 1227 - 1256, war Graf von Holland und Zeeland. 1248 wurde er in Aachen vom Erzbischof zum Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches gekrönt, aber erst nach einer 5-monatigen Belagerung der Stadt. Willem hatte den Sieg der Hilfe der Friesen und ihrer Wasserbaukunst zu verdanken. Die Friesen nämlich erhofften sich die Wiederherstellung der Privilegien, die ihnen schon Karl der Große verliehen hatte. Nachdem die Friesen ihre Schuldigkeit getan hatten, hatte Willem den Rücken frei für die Fortsetzung der holländisch-friesischen Kriege zur Erweiterung seines Machtbereichs. 1254 griff er die West-Friesen an und plünderte sie aus. Eine Übersichtskarte zeigt, wo die West-Friesen siedelten und wo Willem versuchte sein Gebiet zu erweitern.



Die Detailkarte zeigt die damalige Lage der Westfriesen. Sie bewohnten die Halbinsel nördlich von Utrecht, westlich von Friesland. Vom Kernfriesland waren sie schon früher getrennt worden durch die Entstehung der Zuiderzee. Es wäre also ein Versuch wert, die Landzunge zum Brückenkopf einer Eroberung zu machen. Nur war die Geographie äußerst problematisch, wie die Detailkarte zeigt. Eine Sumpflandschaft, in der man kaum ausmachen konnte, wo das Land anfing und das Wasser aufhörte. Kein Wunder, das die Friesen nicht nur Meister des Wasserbaus, sondern auch des Sumpfkriegs waren. 


Die Sumpflandschaft Waterlands und 
die Lage der späteren Zwingburgen
des Floris V.

Der Sommer 1255 war regenreich gewesen, und Willems Armee kam ausgehend vom Städtchen Alkmaar gegen die Friesen nicht voran. In Februar 1256 aber setzte der Frost ein. Der Augenblick schien günstig, über die zugefrorenen Seen in Richtung Hoogwoud zu ziehen. Willem zog mit einer kleinen Gruppe Kundschafter über das zugefrorene Berkmeer (NL "meer" =  D "See") in Richtung Hoogwoud. Es war sehr tapfer. Es war auch sehr töricht. Das Eis auf dem Berkmeer konnte Pferd mitsamt Ritter und Rüstung nicht tragen. 

Willem II bricht ein

Hätte Willem nur van Maerlants Übersetzung des "Secretum Secretorum", "Geheimnis der Geheimnisse" gelesen, in dem nicht nur Tapferkeit, sondern auch Verstand als wahre Tugend eines Fürsten gepriesen werden. Aber van Maerlants Opus entstand erst 10 Jahre später. 


               Willem II im Eis von den Friesen erschlagen

Die friesischen Partisanen kamen aus einem Hinterhalt im Schilf hervor und erschlugen den Kurfürst.
Die Friesen waren ein wehrhafter Stamm, sehr auf ihre Unabhängigkeit bedacht. 754 wurde der Apostel Bonifatius beim Ort Dokkum von ihnen erschlagen, als er gegen ihre Verehrung der Wotaneiche predigte. 
Bonifatius verteidigt sich mit seiner Bibel 
gegen die Schwerthiebe der Friesen

Für  den frommen van Maerlant, fest mit dem holländischen Grafenhaus verbunden, sprach womöglich noch mehr gegen die Friesen, dass sie Willems Leichnam nicht herausgaben, wie es sich für eine ehrenhafte Beerdigung geziemt. Willems Leiche wurde unter einer Feuerstelle in einem Bauernhof verscharrt.
Van Maerlant hatte also keine hohe Meinung vom garstigen Friesenstamm:


Wat sal seghel ende was
 
Ende brieve, die ghewaghen das
 
Van dat dese heren gheven?
 
Hets al niet, hets een ghedwas;
 
Alse lief hadt mi een wilt Sas
 
Oft een Vriese bescreven.
 
Trouwe es brooscher dan een glas;
 
Die hier te voren so sterc was,
 
Soe es tebroken bleven.
 
Ic waens noit landshere ghenas
 
Die scalke te sinen rade las,
 
Hine moeste int ende sneven
 
Ende sulc sijn slands verdreven.’

Was soll der Siegel, und das Wachs,
Was das Siegelstück? Alles nur ein Klacks
In feierlichem Herrensprech!
Nichts ist's, nur Gewäsch,
Leeres Geschwätz, von Sächs'scher
Wilden, ohne Wert, nur Friesenblech.
Treue ist zerbrechlicher als Glas.
Einst fest, zerschellt auf immer das, was
Heil war. Gebrochen bleibt gebrochen eben.
Kein Landsherr hat sich je davon erholt,
Der sich bei Schwindlern Rat geholt.
Manche mussten zahlen mit dem Leben, 
Eignes Land hat mancher aufgegeben.

(Übersetzung Jaap Hoepelman Juni 2021 nach Text und Prosaübersetzung der "Wapene Martijn" in der DBNL)

Als Willem schmählich bei Hoogwoud zu Grunde ging, war sein kleiner Sohn, Floris V, erst 2 Jahre alt. An dieser Stelle können wir den Faden unserer Erzählung mit van Maerlants Patronin, Aleide d'Avesnes, 1228-1294, aufnehmen, auf die Gefahr hin, selber in das Eis der adligen Querelen einzubrechen. 

           Aleide d'Avesnes,
  Gräfin von Holland vor den Resten
 ihrer Burg "te Riviere" in Schiedam

Aleide d'Avesnes war die Schwester des Kurfürsten, und sich ihrer gehobenen Stellung sehr bewusst. Aleides Bruder, Floris IV, wurde zum Stellvertreter Willems und zum Vogt dessen Sohnes. 1258 aber starb Floris IV in einem Turnier in Antwerpen. Aleide wurde Vogtin des kleinen Floris und Truchsessin von Holland und Zeeland.  Van Oostrom* vermutet, wie Aleide und Van Maerlant zusammen gekommen sein könnten: Es gab intensive Auseinandersetzungen zwischen Flandern und Holland über den Besitz der zeeländischen (seeländischen; NL "zee" = D "Meer") Inseln westlich der Schelde. Diese beherrschten den Handelsweg zwischen England und Brügge. Es ging also um viel Macht und viel Geld. Brügge war die wichtigste Schaltstelle in den Beziehungen zwischen der Hanse, England, Frankreich und dem Mittelmeer. Für die flämische Tuchproduktion war Brügge der Stapelplatz für englische Wolle.  

Der Belfried in Brügge

Der Vorhafen Brügges im 13. Jahrhundert war Damme. Dort genoss Van Maerlant in der Kapittelschule Sankt-Donaas eine gründliche Ausbildung und wurde Kleriker niederen Weihegrads. Die Kapittelschule war ein intellektuelles Zentrum und Van Maerlant wird sich in den artes liberales geübt, hervorragend Latein und Französisch gesprochen und geschrieben haben, wie seine Muttersprache, Flämisch. 

Die Lage von Brugge und Damme


Die Kapittelschule verfügte über eine reichhaltige Lehr-Bibliothek, in der Van Maerlant sich gründlich eingelesen hat. Hier hat er  die Fähigkeiten erworben, über die ein Schreiber an einem gräflichen Hof verfügen musste. 
Während der französischen Revolution konnte die Sankt Donaas Kathedrale dem Fortschreiten des Weltgeistes leider nicht standhalten und wurde vollständig geschleift.

             Die Sankt Donaas -Kathedrale


                                                                                                            Van Eyck: Madonna mit Kanonikus van der Paele. 
                                                                                       Im blauen Ornat der heilige Bischof Donatius.


Denkmal für Van Maerlant 
auf dem Marktplatz in Damme

Zum Verhältnis der Flamen und Holländer trug 1246 der französische König Ludwig IV ("der heilige") dadurch bei, dass er den Dampierres das reiche Flandern zuteilte und den Avesnes das armselige Holland. Die Avesnes fühlten sich auf das Höchste benachteiligt. Als pikante Komplikation verlief der Graben quer durch eine einzige Familie. Margaretha, Gräfin von Konstantinopel (nur damit die Verhältnisse klar sind), war die Mutter von 3 Avesnes und mindestens 2 Dampierres, aus 2 Ehen. Sie entledigte sich ihres ersten Ehemannes, Bouchard d'Avesnes, durch Enthauptung, was von den Avesnes nicht positiv aufgenommen wurde. 
Für Flandern war der Besitz der seeländischen Inseln westlich der Schelde entscheidend, weil diese den Zugang nach Brügge beherrschten. Margaretha war durch ein Urteil des deutschen Kurfürstes, Willem II von Avesnes eben, ihrer Besitztümer Verlustig gegangen. Selbstverständlich verleibte Willem sich dabei den Lehen Seeland ein. Margarethe versammelte daraufhin ein großes flämisch-französisches Heer, das am 4 Juli 1253 zur Insel Walcheren übersetzte. Die Vorbereitungen waren aber nicht verborgen geblieben und die Seeländer und Holländer hatten Zeit, sich auf den Angriff vorzubereiten. Die Flamen wurden schwer geschlagen. Es ist vorstellbar, dass Van Maerlant  als Scriptor mit eingeschifft war und in der Schlacht gefangen genommen wurde.
Van Maerlants Begabung wird Aleide nicht entgangen sein, und so wurde er auf der Insel Voorne, wo die verbundene seeländische Familie van Cats eine "Motte" besaß, festgesetzt und später 


Voorne-Putten um 1300. Mit guten Augen kann man den Ort Maerlant erkennen, 
nach dem unser Dichter sich benannte.


als Küster und Lehrer im Örtchen Maerlant eingestellt, damit beauftragt Floris V auf dessen fürstliche Pflichten vorzubereiten. Aleide erwartete von Floris nicht weniger, als dass er den Leichnam seines Vaters, ihres Bruders, heimholen und bestatten und an den Friesen Rache nehmen würde. Zu van Maerlants Aufgaben gehörte die Aufbereitung von Literatur, die zu einem fürstlichen Curriculum gehörte. Van Maerlants Produktivität dabei ist erstaunlich. Seine Arbeiten aus der Zeit auf Voorne umfassen unter anderem einen Alexanderroman, die Gralsgeschichte, die Geschichte Trojas, eine Erzählung über den jungen Helden Torec, Sachliteratur über Träume und Steine und das "Geheimnis der Geheimnisse", einen Fürstenspiegel nach dem im Mittelalter sehr beliebten Secretum Secretorum, das als angebliches Werk des Aristoteles höchste Autorität genoss.  Um 1270 kehrte van Maerlant zurück nach Damme wo er in "der naturen bloeme" ("Blume der Natur", oder "Blütenlese der Natur"das damalige Naturwissen zusammenfasste. Außerdem schuf er mit einer gereimten Bibel ("rijmbijbel") die erste vollständige Bibel in niederländischer Sprache, dazu eine Vita des Franciscus von Assisi, und eine Weltgeschichte, die "Spiegel Historiael". Eine Reihe strofischer Werke stellt eine eher persönliche Seite seines Schaffens dar. Darunter die "Martijn"- Gedichte, seine heute noch am meisten geschätzten Werke.
Eine veritable Schatztruhe aus 300.000 Zeilen Paarreime in der Volkssprache, aus lateinischen Quellen; mehr hatte kein Zeitgenosse aufzuweisen. Zu seiner Zeit und noch Jahrhunderte später war van Maerlant ein gefeierter Dichter.

                                                                                                                                        Floris V                                                                               
Floris V führte den Krieg gegen die friesischen Bauern mit wechselnden Geschicken weiter. Entscheidend für die Niederlage der Friesen waren aber erst die Sturmfluten in 1287 und 1288, die Teilen West-Frieslands verwüsteten. 
Floris war ein großer Burgenbauer. 1285 entsteht das Muiderslot an der Grenze zwischen Utrecht und Holland. 

Das Muiderschloss

Das Schloss stand an der richtigen Stelle. Floris hatte gerade der aufstrebenden Niederlassung Amsterdam die Stadtrechte verliehen und das Schloss füllte durch Zolleinnahmen die Kriegskasse des jungen Grafen. Es wurde ihm aber auch zum Verhängnis:  1296 verschworen sich einige Adelige gegen ihn, vermutlich dazu angestiftet durch den englischen König Edward I, weil Floris als Anwärter auf den schottischen Thron galt. Floris wurde im Muiderschloss festgesetzt, um nach England entführt zu werden. Eine andere Version der Geschichte lautet, dass die Entführung eingefädelt wurde durch Gerard van Velzen, der sich wegen der Vergewaltigung seiner Ehefrau an Floris rächen wollte. Eine dritte Version besagt, dass Floris den Bürgern und Bauern zu viele Zugeständnisse gemacht hatte, was dem Adel überhaupt nicht passte. Floris' Spitzname war tatsächlich "Der Keerlen God" und als die "Kerle" das Muiderschloss belagerten, flüchteten die Entführer zu Pferde, Floris gefesselt in ihrer Mitte. Unter den Befreiern ironischerweise auch die Friesen, die sich vielleicht die Wiederherstellung ihrer Rechte erhofften. Van Velzen ergriff seine Chance und erstach Floris. 


Van Velzen aber wurde gefasst, verurteilt, gefoltert und in einem Nagelfass durch die Stadt Leiden gerollt. Andere Quellen sagen, dass er einfach nur gevierteilt wurde. 
Nebenbei: Das Muiderschloss spielte Jahrhunderte später eine wichtige Rolle in der niederländischen Literatur. Ab 1621 traf sich eine Gesellschaft mit den prominentesten Gelehrten, Musikern und Dichtern des niederländischen Goldenen Zeitalters um den Dichter Pieter Corneliszoon Hooft regelmäßig im Muiderschloss, um sich über Literatur und Musik zu unterhalten. Joost van den Vondel, auch er ein Mitglied des "Muiderkring" (Muiderkreises), schrieb das Eröffnungsdrama für das in Stein neu erbaute Amsterdamer Stadttheater, den "Gijsbrecht van Aemstel". Das Bühnenstück beschreibt wie van Aemstel, zu Unrecht der Komplizenschaft am Mord auf Floris verdächtigt, aus seinem Amsterdamer Stadtschloss vertrieben wird.
Zurück zu van Maerlant: Er war ungeheuer einflussreich. Van Oostrom** schreibt, dass man kaum einen Autor zwischen 1250 und 1450 erwähnen kann, der nicht in irgendeiner Art und Weise von ihm beeinflusst wurde und nennt ihn den ersten niederländischen Schriftsteller von dem man sagen kann, dass er im eigentlichen Sinne Schule gemacht hat. Es entstanden zahllose Abschriften seiner Arbeiten. Einige erhaltene Exemplare zeigen prachtvolle Illustrationen, z.B. die "Rijmbijbel" (Reimbibel), die "Naturen Bloeme" (Blume der Natur) und die "Spieghel Historiael".

Der naturen bloeme
Utrechter Handschrift, etwa 1340

Solche Prachtbände kosteten  ein Vermögen. Van Maerlant war selbstverständlich kein Dichter des allerpersönlichsten Ausdrucks allerpersönlichster Gefühle, sondern einer, der genau umschriebene  Stoffe für eine genau umschriebene Leserschaft in der Volkssprache aufbereitete. Er ging dabei aber nicht sklavisch vor, sondern passte seine Dichtung kreativ den Erwartungen und Bedürfnisse seines Publikums und seines Landstrichs an. Am freiesten dichtet Van Maerlant in den Dialogen, welche unter dem Namen "Wapene Martijn" (dem Anfang des ersten Dialogs) bekannt geworden sind. Diese Gedichte haben die Form dreizehnzeiliger Strofen, mit dem Reimschema  aabaabaabaabb. Einige davon habe ich in diesem Post versucht zu übersetzen.
Auch in den weniger freien Werken gibt es genug zu bewundern und zu schmunzeln, insbesondere in der Kombination mit den Illustrationen. Van Maerlant schrieb seine "naturen Bloeme" nach dem Theologen Thomas von Cantimprés De natura rerum. und so dienen die Naturbeschreibungen immer auch ein erzieherisches Ziel: Die Natur ist voll der erstaunlichsten Beweise von Gottes Allmacht und Beispiele von Tugend und Untugend.  Uns, die wir heute umgeben sind von treuen Hunden, edlen Pferden und freundlichen Wölfen, kommt das bekannt vor. 
Als ganz außergewöhnliches Tier wird uns der Biber vorgestellt:

Van Maerlants Biber bei einer seiner typischen Tätigkeiten

Castor, dit woert in Latijn
 
Mach in Dietsche een bever sijn.
 
Castorium heten haere hoeden,
   Die sijn vele te nuttene noden,
 
Ende dat es daer mense omme jaghet.
 
Ende als den bever dan wanhaghet,
 
So bijt hise selve of te waren:
 
Dan laten die jaghers varen.
   Eist datmenne anderwarf jaghet,
 
Hi toghet dat hi niet en draghet,
 
Ende vallet voer den jagher neder.
 
Die Pollaene segghen dan weder,
 
Haer bevre hebben die hoeden binnen,
  Recht als wi nieren legghen kinnen.
 
Hoe moghen si danne hem selven vueren?

Als Castor ist er auf Latein bekannt,
Biber wird er hier genannt.
Castorium, die Hoden auf Latein,
Sind wirksam gegen Zipperlein.
Deswegen wird ihm nachgestellt.
Fühlt er sich zu sehr umstellt,
Dann, wahrlich, beißt er diese ab.
Dann lassen Jäger von ihm ab.
Jagt man ihn dann später wieder,
Legt der Biber sich danieder
Hier, so zeigt er, gibt es nichts zu holen.
Wiederum heißt's bei den Polen,
Die Hoden liegen drinnen, wie die Nieren.
Aber können solche Biber sich kastrieren?

Übersetzung Jaap Hoepelman Juni 2020 nach dem Text in der DBNL (mit der dort vorgeschlagenen Korrektur)

Van Maerlants Tiergeschichten sind spannender und lehrreicher als TERRA-X Dokufilme, in denen viele Tiere schmerzhaft vermisst werden, wie 

der Elefant als wütende Gießkanne,

 
die Auster des Misvergnügens,       oder der Schildquerulant.

Sowieso sind van Maerlants Tiere auffällig schlecht gelaunt. Aber sind nicht in jedem Stück die Bösen interessanter als die Braven?

Auch unter den Menschen gibt es genug zu bestaunen. Zwei Beispiele nur: Die Einfüßler, die ihren Riesenfuß als Sonnenschirm benutzen, oder die Kopflosen, mit den Augen im Rumpf.



Ich beende diesen Post mit einem Gedicht aus dem "Wapene Martijn" über die Frauen, über die van Maerlant in Anbetracht des Missgeschicks mit dem Apfel überraschend milde urteilt:

Martijn:

Jacop, alle Welt macht groß Gewese,
Der Frauen Schuld sei es gewesen,
Dass wir in Sünde müssen Sterben:
Durch Evas erster Sündenfall
Müssen im Erdental wir alle
Als Vertriebene verderben.
Es sagen alle, keiner ausgenommen:
Eva hat Adams Herz genommen,
Adam ward von ihr vergeben°.
Sag mir, liegt's nicht auf der Hand
Dass man hier die Schuldige fand?
Ihretwegen zittern wir und beben
Wenn zu Ende geht das Leben.

Jacop:

Martin, jeder ist im Kopf nicht gut,
Der andern vorwirft, was er selber tut,
Egal ob es ihm Vorteil bringt.
Seh' ich das Meer, oder den Fluss, 
Steig' ich hinein mit einem Fuß,
Wie wenn ein Blöder in die Fluten springt -
Wem werf' ich vor den Übermut,
Wenn mich ergreift die wilde Flut,
Und dass mit mir ein Schwein versinkt?
Wenn einer weiß von Bös' und Gut,
Hartnäckig stets das Böse tut,
Dann gibt es viele, denen's stinkt,
Dann schert es nicht, ob der ertrinkt.


(Übersetzungen Jaap Hoepelman Juni 2021, Nach Biesheuvel, Originaltext mit Prosaversion )

Zum Schluss noch ein Gedicht, das bis heute seine Gültigkeit behalten hat:

Jacop:

Um diese Worte geht's allein:
Es sind die Worte "mein" und "dein"
Könnt' man endlich sie vertreiben
Allüberall würd' Frieden sein
Und Freiheit wäre allgemein.
Mann noch Frau leibeigen bleiben,
Gemeinfrei wären Korn und Wein.
Über's Meer oder den Rhein
Würd' man keinen mehr entleiben.
Doch das Gift der Habgier steckt in
Allen Dingen leider, Martin.
So wie's ist muss alles bleiben,
Dies Gesetz nur kann es schreiben. 

(Übersetzungen Jaap Hoepelman Juni 2021, Nach Biesheuvel, Originaltext mit Prosaversion )

Jan van Boendale, ein Dichter der nächsten Generation, nennt van Maerlant "Vater der niederländischen Dichter insgesamt"**, *** . Dieser Vater ist heute gründlich in Vergessenheit geraten. Darum hier für ihn, obwohl erst 200 Jahre nach Maerlants Zeit entstanden, die Missa de Sancto Donatiano des Jacob Obrecht. Vom Brügger Komponisten Obrecht für den Brügger Namenspatron Sankt Donatian, den Patron auch der Kapittelschule Sankt Donaas, für den Brügger Dichter van Maerlant: Vertreter der erstaunlichen Kultur der südlichen Niederlande im Mittelalter.


Meine Weisheit über van Maerlant, seine Zeit und Dichtung entstammt zum größten Teil Frits van Oostroms Magnum Opus "Maerlants Wereld" [Prometheus, Amsterdam,1996].
Für den Link zur "der naturen bloeme" - "die Wunder der Natur": siehe hier.
° vergeben - vergiftet
(*van Oostrom s. 122-124, **van Oostrom s. 386, 387, *** Boendale schreibt "Diets" für "niederländisch")

Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...