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Donnerstag, 18. Dezember 2025

Namen in diesem Blog



 


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

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Auf die Schnelle: Aus Van Maerlants "Wunder der Natur", die Fragmente
"von fremden Ländern und Menschen" und
"die Tierwelt". Ausserdem von Willem die Madocke maecte
"Reineke Fuchs", in einer vollständige Version.

      Van Maerlant. Die Wunder der Natur                                                             

Reineke Fuchs oder van de vos Reynaerde 

 


Samstag, 13. Dezember 2025

So wie ich einmal liebte,




              Snikken en Grimlachjes            
              Piet Paaltjens (1835-1894)         

                                                                                         
Ich habe in diesem Blog verschiedene Gedichte von Piet Paaltjens (1835-1894) übersetzt, der sowieso einer meiner Lieblingsdichter aus dem 19. Jahrhundert ist. Als ich vor kurzem in Marita Mathijsens Blog die Beschreibung ihres Besuches an Paaltjens Grab in Schiedam 




las und wie sie auf dem Grabstein einige Rosen und eine Kopie der "Snikken en Grimlachjes", aufgeschlagen bei "Immortelle C" fand, dort hingelegt von einer Schulklasse, entschied ich mich, die alten Übersetzungen noch einmal vorne hin zu stellen und mich an eine Übersetzung der "Immortelle C" zu wagen, die sowieso eine wunderbare romantische Absage an die Romantik ist.
"Immortelle" ist der französische Ausdruck für Strohblume - schön, vertrocknet, nicht vergehend, aber längst vergangen. Der Buchstabe C ist die römische Zahl 100, aber es wird bezweifelt, ob Paaltjens je vorhatte 100 Immortellen zu schreiben. Eher war es eine ironische Anspielung auf das endlose Weinen und Singen der Romantik in endlosen Gedichtreihen.  Es sind ja nur 11 erschienen im Gedichtband "Snikken en Grimlachjes" . "Snikken" kann man als "Schluchzer" (Mehrzahl) übersetzen. "Grimlachje" braucht etwas mehr Erklärung: Ein "Glimlach" ist ein Lächeln, ein "Glimlachje" ein kleines, verschmitztes Lächeln, "Grim" ist "grimmig". Paaltjens wortspielerische Wortschöpfung "Grimlachje" ist also ein kleines unfröhliches Lächeln und davon ist "Grimlachjes" die Mehrzahl.  Viel Bedeutung, verpackt in einem Port-Manteau, Futter für Übersetzer.


Immortelle  C.

 

So wie ich einmal liebte,

So liebte auf Erden noch niemand,

Nur, dass ich, wohin ich mich wandte,

Nur Herzen aus Eis und aus Stein fand.


Es erstarb mein Glauben an Freundschaft,

Weder Hoffnung noch Liebe bestand,

Und so, wie mein Herz dann hasste,

So hasste auf Erden noch niemand.


Manch düsteres, bitteres Lied

Den Weg aus der Brust in die Welt fand;

So düster und bitter ich sang,

So sang hier auf Erden noch niemand.


Bis ich dann das immerfort Hassen,

Das Singen und Weinen als öde empfand.

Ich schwieg und so wie ich jetzt schweige,

So schwieg hier auf Erden noch niemand.


(Übersetzung Jaap Hoepelman Dezember 2025)

Immortelle C

Wenn ich den Leichbitter sehe,



Wenn Realität und Melancholie auf einander treffen, entsteht sardonischer Humor. Der Pfarrer-Dichter, Piet Paaltjens (Pseudonym von François HaverSchmidt (1835 – 1894)) versteckte, man könnte auch sagen verstärkte seine Melancholie durch die Zusammenführung beider Bereiche, bis die Melancholie die Überhand gewann und er sich umbrachte. In der Romantik waren Tod, Selbstmord und gescheiterte Liebe ständig wiederholte Themen, auch in Paaltjens Studentenpoesie, versteckt hinter virtuosem Spott. Ob dazu beitrug, dass François einwohnte bei einem Leichbitter sei dahin gestellt:

Immortelle XCVI

    Als ik een bidder zie lopen,
    Dan slaat mij ’t hart zo blij,
    Dan denk ik, hoe hij weldra
    Uit bidden zal gaan voor mij. 


Aus Immortellen, 1850-1852.


Wenn ich den Leichbitter sehe,
Dann freut meine Seele sich
Dann denke ich, wie er demnächst
auch bitten wird für mich.


Übers. Jaap Hoepelman, Jan. 2018


Der Zusammenstoß zweier Welten kann katastrophal ausgehen und zu den Spaltprodukten gehört bissiger Spott mit den romantischen Klischees. Auf alle Fälle gehört "An Rika" zu den ersten niederländischen Gedichten, in denen der Zug eine Hauptrolle spielt. Für mich ist überraschend, dass schon in einem Gedicht aus 1850 die Rede ist von einem "Schnellzug", wobei die erste Bahnlinie in Holland erst gut zehn Jahre zuvor fertiggestellt worden war. Vergleichbare Verkehrsprojekte brauchen heute länger.


An Rika

Nur einmal hab ich Dich gesehen. Du warst
gesessen in einem Schnellzug, der den Zug
in dem ich saß, passierte in voller Fahrt.
Der Augenblick war wahrlich kurz genug.

Trotzdem, er dauerte so lang, dass ich
den langen Lebensweg mit mattem Lachen
nur verfolgen kann. Ach! Seit ich Dich
sah, kann nichts mir Freude machen.

Warum nur hast Du dieses blonde Haar,
das sonst den Engeln eigen ist? Und dann,
Warum die blauen Augen, wundertief und klar?
Du wusstest wohl, dass ich die nicht ertragen kann!

Und warum bist Du denn an mir vorbeigeflogen,
Und hast nicht, wie der Blitz, die Türe aufgerissen,
Und hast mich nicht an Deine Brust gezogen,
Und meinen Mund bedeckt mit Deinen heißen Küssen?

Du hattest Angst vielleicht um den Betriebsablauf?
Doch, Rika, könnt' ich höh're Seligkeit erreichen
Denn, unter höllischem Gestampfe und Geschnauf,
Mit Dir zerquetscht zwischen den Weichen?

Piet Paaltjens 1852


Rika

Übersetzung Jaap Hoepelman 2017

Paaltjens, Sempre, die türkische Trommel und Probleme der Übersetzung.

Piet Paaltjens - Literatuurmuseum
Piet Paaltjens
(François Haverschmidt, auch HaverSchmidt
1835 - 1894)

Hör ich auf Sempre ein Waldhorn
Oder auch türkische Trommel -
Das kann mich zu Tränen bewegen
Und - ich weiß selbst nicht weswegen.

Fragt mich ein aktives Mitglied:
Was an der türkischen Trommel
Oder dem Waldhorn ist dir gelegen? -
Dann weiß ich selbst nicht weswegen

Ist's weil in besseren Tagen
Ein Freund die türkische Trommel
nicht ungeschickt konnte regen?
Ach - ich weiß selbst nicht weswegen.


Aus: Immortellen, 1850-1852.

Übersetzung Jaap Hoepelman
August 2019

Romantiek (1800-1900) – Leeskunst

Das kleine Gedicht ist eines meiner Lieblingsgedichte der Romantik. Die geheimnisvolle erste Zeile! Was bedeutet "Sempre"* ? Was hat das Waldhorn mit diesem unbekannten Wort zu tun? Wieso "auf Sempre"? Das Waldhorn ist ein schwieriges Instrument, das Geschick erfordert und romantische Gefühle hervorruft. Aber die türkische Trommel? Und wieso verschwindet das Waldhorn in der dritten Strophe und bleibt nur die türkische Trommel übrig?
Das Gedicht gibt also Rätsel auf, es ist ironisch, es übertreibt, es parodiert die gängigen tränenreichen Genres und es lässt Nicht-Zusammenpassendes unvermittelt auf einander stoßen. Es ist das Musterbeispiel eines romantischen traurigen Verses, der zur gleichen Zeit seine eigene Parodie ist. Man kann aber nicht sagen, dass der Dichter sich anstellte und nur posierte: Als die unbeschwerte (nun ja) Studentenzeit vorbei war und HaverSchmidt seinem Ruf als Pfarrer folgen musste, hat seine Trauer ihn nach und nach eingeholt und er hat sich umgebracht.

Ich hatte schon lange den Wunsch, mich an diesem in den Niederlanden berühmten Gedicht zu versuchen. Es war nicht einfach. Ich muss gestehen, dass ich als Übersetzer eigentlich gescheitert bin: Die niederländische Fassung enthält nur ein einziges, sich wiederholendes Reim in den Zeilen 2 und 4:

"... Turkse Trom"
-             ...
"...ik zelf niet waarom"

Es gelang mir einfach nicht, dazu die passenden deutschen Reime zu finden. Die "türkische Trommel" wollte sich nun mal nicht mit "warum" paaren, und widersetzte sich allen Kniffen. Deswegen habe ich den Reim auf die Zeilen 3 und 4 gelegt. Mit schlechtem Gewissen. Etwas ganz Wichtiges im Rhythmus und Klang habe ich nicht hinbekommen: " trom, waarom/trom, waarom/trom, waarom"....Darauf reimt sich "bom, bom, bom" (kurzes "o"), d.h. "bumm, bumm, bumm" - genau wie der dumpfe Klang der türkischen Trommel, vielleicht in einem Trauermarsch. Genau wie in einem Trauermarsch erfolgen die Schläge im gemessenen langsamen Rhythmus, d.h. mit einer Zeile dazwischen, nicht in zwei schnell aufeinander folgenden Reimen. Ein anderes Gedicht aus der gleichen Sammlung lässt die Vermutung zu, dass es sich hier tatsächlich um einen verstorbenen Freund handelt.
Mit meinen "e"-Reimen konnte ich diese Klangwirkung nicht erreichen. Schade, aber vielleicht bleibt trotzdem etwas übrig von der überempfindlichen Stimmung der Zeit. Tuberkulose, Cholera, Syphilis, Typhus...und Heines Buch der Lieder. Für Trauer und Melancholie gab es ausreichend Grund und Vorbilder.
Für einen besseren Eindruck bringe ich hier das niederländische Original. Schwer zu verstehen ist es ja nicht.

Piet Paaltjens

Hoor ik op Sempre een waldhoorn
Of ook wel een Turkse trom,
Dan moet ik zo bitter wenen;
En - ik weet zelf niet waarom.

Vraagt een der werkende leden:
'Hoe kan een Turkse trom
Of een waldhoorn u zo roeren? -
Dan weet ik zelf niet waarom.

Is 't wijl in beetre dagen
Een vriend de Turkse trom
Niet onverdienstlijk bespeelde?-
Ach, ik weet zelf niet waarom.

Aus: Immortellen, 1850-1852.

* "Sempre" steht für für "Sempre Crescendo",
die Musikgesellschaft der Studenten in der Universitätsstadt Leiden.

Piet Paaltjens und die Schrecken der Romantik

 


Der Selbstmord war ein beliebtes Thema in der Romantik, auch bei Paaltjens (1835-1894). Sogar der doppelte Selbstmord, besonders gerne in Verbindung mit verschmähter Liebe.
Auch im nächsten Gesang geht es um den Suizid. Aber wo ist die verschmähte Liebe? Wo ist die Geliebte und wer ist sie? Fragen über Fragen...

Der Selbstmörder

Es war dunkel im Wald
- Zudem Herbst und sehr kalt -
Und ein Herr irrt' umher ganz alleene.
Ach sein Blick war so so stumpf!
Seine Kleider zerlumpt!
Und er mahlte und knirschte die Zähne.

„Ha!“ so rief er erregt,
„Hab' 'ne Natter gehegt,
„Nein, schlimmer, an der Brust hier ein Untier!“
Und er schlug sich ans Paletot
Und in den Matsch trat er so,
Dass es spritzte ihm an den Hals schier.

Und jetzt suchte sein Blick
Einen Eichenast, dick
Genug um den Körper zu tragen.
Danach, mit Geschick,
Knüpfte er einen Strick
Und kein Schlick spritzte mehr bis zum Kragen.

Es ward still nun im Wald
Und noch zehnmal so kalt,
Denn der Winter kam näher und näher.
Und inzwischen am Ast
Ganz entspannt, ohne Hast,
Hing der Herr, zum Erstaunen der Häher.

Und der Winter ging hin
Denn der Frühling erschien
Daraufhin war der Sommer gekommen.
Zu der Zeit – es war warm –
Ging ein Paar Arm in Arm
Durch den Wald. Und ihm wurde der Atem genommen!

Als sie gingen, ganz zärtlich,
Dachte kosend das Paar sich,
Dass unter dem Baum wär' gut knutschen.
Und genau zu der Zeit
War ein Stiefel bereit
Vom gehangenen Schenkel zu rutschen.

„Ach du gütiger Himmel! Wo-
her kommt denn der Stiefel?“ so
Starrte das Pärchen empor.
Und es sah mit Entsetzen
Diesen Herrn; aus zerschlissenen Fetzen
Stach bleich ein Gerippe hervor.

Auf dem grinsenden Kopf
Stand der Hut wie ein Topf,
Denn es fehlte der Rand. Alles Linnen
War zerfressen und grau,
Durch ein Loch schau-
ten Käfer und Würmer und Spinnen.

Seine Uhr stand längst still,
Und ein Glas seiner Brill'
War zerbrochen, das and're beschlagen.
Und am Kamm seines Beckens
befand sich 'ne Schnecke,
Eine schleimige Schnecke, und nagte.

Doch die Lust sich zu lieben
war auf ein Mal vertrieben
Nicht ein Sterbenswort sprachen die beiden.
Und vor Schreck kreidebleich
Sah das Paar geistergleich
Aus wie Laken gebleicht auf der Weide.

Piet Paaltjens 1852

zelfmoordenaar

(Übers. Jaap Hoepelman April 2017)

Die Rosa Poetica.

Die Rose ist schön, sie duftet, sie ist vergänglich und sie kann stechen. Voilà die Zutaten für eine feine Sauce auf einer unüberschaubar la...