
Ich sagte schon, dass die Dichtung in den Niederen Landen häufig eine gewisse Nüchternheit ausstrahlt. Auch schon im Mittelalter, wohin wir jetzt zurückkehren. Für die Ballade „Herr Halewein" braucht man einen etwas längeren Atem, aber dafür lernt man, dass die Emanzipation schon bis ins späte Mittelalter zurückreicht. Aus den letzten Zeilen der Ballade geht hervor, dass die Niederländer schon damals einen ausgeprägten Sinn für praktische Lösungen hatten.
Herr Halewein
Herr Halewein sang ein Liedekein
Jede, die es hörte, wollt' bei ihm sein
Des Königs Tochter hört' das Lied,
Sie war so schön und so beliebt.
Vor ihrem Vater stellt sie sich
„Zum Halewein, Vater, lässt du mich?“
„Ach nein, du Tochter, nein, du nicht:
Denn gehst du hin, du kehrest nicht“
Vor ihrer Mutter stellt sie sich
„Zum Halewein, Mutter, lässt du mich?“
„Ach nein, du Tochter, nein, du nicht:
Denn gehst du hin, du kehrest nicht“
Vor ihrer Schwester stellt sie sich
„Zum Halewein, Schwester, lässt du mich?“
„Ach nein, du Schwester, nein, du nicht:
Denn gehst du hin, du kehrest nicht“
Vor ihrem Bruder stellt sie sich
„Zum Halewein, Bruder, lässt du mich?“
„Es ist mir gleich wohin du gehst
Wenn du wohl die Ehre hegst
Und die Krone mit Würden trägst!“
In ihrem Zimmer zog sodann
Sie ihre besten Kleider an.
Was mochte an ihrem Leibe sein?
Ihr Hemdchen war wie Seide fein.
Was zog sie an? Ein Leibchen steif,
mit goldenen Bändern fest umreift.
Was zog sie an? Den roten Rock,
An jeder Naht ein güldner Knopf.
Was zog sie an? Ein Überkleid:
Perle an Perle aufgereiht.
Was stellte sie auf den blonden Schopf?
Schwer wog die Krone auf ihrem Kopf.
Dann ging sie in des Vaters Stall
und wählte das beste Ross von all'.
Im Sattel sitzend wie ein Mann,
ritt sie im Walde mit Sang und Klang.
Und im allertiefsten Tann',
fand sie Halewein sodann.
Er band sein Pferd an einen Stamm,
die Maid war voller Angst und Scham.
„Grüß dich, sprach er, du schöne Maid,
grüß dich, sprach er, Braunauge klar,
komm, setz dich hin, entbind dein Haar.“
So entband sie manches Strähnchen,
So kam geflossen manches Tränchen.
Sie ritten mit einander fort
Und unterwegs fiel manches Wort.
Sie kamen an ein Galgenfeld.
Manch Weibsbild war dort aufgehängt.
Dann hat Herr Halewein gemeint:
„Weil Ihr die schönste Jungfer seid
wählt Euren Tod! Noch habt Ihr Zeit“
„Nun, wenn ich denn hier wählen werd',
so wähle ich den Tod durchs Schwert,
„Zuerst zieht aus das Oberkleid
Denn Jungfernblut, das spritzt so weit,
es zu bespritzen tät mir leid.“
Das Kleid kaum ausgezogen war,
lag schon der Kopf vor den Füßen dar;
die Zunge noch diese Worte sprach:
„Geht weiter drüben ins Korn,
blast dort auf meinem Horn,
dass all meine Freunde es hören!“
„Ich werde nicht gehen in dein Korn,
noch werde ich blasen in dein Horn“
„Geht hinüber zum Galgenfeld
habe den Salbentopf hingestellt,
Streicht das auf meinen roten Hals!“
„Unter den Galgen geh' ich nicht,
den roten Hals bestreich' ich nicht,
den Rat des Mörders tu' ich nicht.“
Sie nahm den Kopf beim langen Haar,
und wusch ihn in dem Brunnen klar.
Im Sattel sitzend wie ein Mann,
Ritt sie im Wald mit Sang und Klang
Und als sie war auf halbem Wege
Was zog sie an? Ein Leibchen steif,
mit goldenen Bändern fest umreift.
Was zog sie an? Den roten Rock,
An jeder Naht ein güldner Knopf.
Was zog sie an? Ein Überkleid:
Perle an Perle aufgereiht.
Was stellte sie auf den blonden Schopf?
Schwer wog die Krone auf ihrem Kopf.
Dann ging sie in des Vaters Stall
und wählte das beste Ross von all'.
Im Sattel sitzend wie ein Mann,
ritt sie im Walde mit Sang und Klang.
Und im allertiefsten Tann',
fand sie Halewein sodann.
Er band sein Pferd an einen Stamm,
die Maid war voller Angst und Scham.
„Grüß dich, sprach er, du schöne Maid,
grüß dich, sprach er, Braunauge klar,
komm, setz dich hin, entbind dein Haar.“
So entband sie manches Strähnchen,
So kam geflossen manches Tränchen.
Sie ritten mit einander fort
Und unterwegs fiel manches Wort.
Sie kamen an ein Galgenfeld.
Manch Weibsbild war dort aufgehängt.
Dann hat Herr Halewein gemeint:
„Weil Ihr die schönste Jungfer seid
wählt Euren Tod! Noch habt Ihr Zeit“
„Nun, wenn ich denn hier wählen werd',
so wähle ich den Tod durchs Schwert,
„Zuerst zieht aus das Oberkleid
Denn Jungfernblut, das spritzt so weit,
es zu bespritzen tät mir leid.“
Das Kleid kaum ausgezogen war,
lag schon der Kopf vor den Füßen dar;
die Zunge noch diese Worte sprach:
„Geht weiter drüben ins Korn,
blast dort auf meinem Horn,
dass all meine Freunde es hören!“
„Ich werde nicht gehen in dein Korn,
noch werde ich blasen in dein Horn“
„Geht hinüber zum Galgenfeld
habe den Salbentopf hingestellt,
Streicht das auf meinen roten Hals!“
„Unter den Galgen geh' ich nicht,
den roten Hals bestreich' ich nicht,
den Rat des Mörders tu' ich nicht.“
Sie nahm den Kopf beim langen Haar,
und wusch ihn in dem Brunnen klar.
Im Sattel sitzend wie ein Mann,
Ritt sie im Wald mit Sang und Klang
Und als sie war auf halbem Wege
Kam Haleweins Mutter ihr entgegen:
„Jungfer, kam dir mein Sohn des Wegen?“
„Ihr Sohn, Herr Halewein, ist beim Jagen,
Und kommt nicht wieder in Ihren Tagen.
Ihr Sohn, Herr Halewein, ist tot,
ich hab' den Kopf auf meinem Schoß
vom Blut ist meine Schürze rot.“
Sie kam beim Tor des Vaters an,
Und blies das Horn so wie ein Mann.
Und als ihr Vater das vernahm,
Freute er sich, dass sie wieder kam,
Dann gab es einen großen Schmaus,
Den Kopf stellte man auf die Tafel aus.
Übers. Jaap Hoepelman Januar 2018
Halewijn
„Ihr Sohn, Herr Halewein, ist beim Jagen,
Und kommt nicht wieder in Ihren Tagen.
Ihr Sohn, Herr Halewein, ist tot,
ich hab' den Kopf auf meinem Schoß
vom Blut ist meine Schürze rot.“
Sie kam beim Tor des Vaters an,
Und blies das Horn so wie ein Mann.
Und als ihr Vater das vernahm,
Freute er sich, dass sie wieder kam,
Dann gab es einen großen Schmaus,
Den Kopf stellte man auf die Tafel aus.
Übers. Jaap Hoepelman Januar 2018
Halewijn