Hubert Poot
1689 - 1733
Ta douleur, Du Périer, sera donc éternelle,
Et les tristes discours
Que te met en l'esprit l'amitié paternelle
L'augmenteront toujours ?
...
Mais elle était au monde où les plus belles choses
Ont le pire destin ;
Et, rose, elle a vécu ce que vivent les roses,
L'espace d'un matin.
...
De murmurer contre elle et perdre patience,
Il est mal à propos ;
Vouloir ce que Dieu veut est la seule science
Qui nous met en repos.
(François de Malherbe
Consolation à Monsieur Du Périer, 1599)
Für Trauergedichte auf den Tod kleiner Kinder hatten die Poeten der Vergangenheit mehr als ausreichend Gelegenheit: Es war ein Wunder, wenn die Kleinen die ersten Jahre überlebten. Ich habe diesem Post einige berühmte Strophen der "Consolation à Monsieur Du Périer" des François de Malherbe aus 1599 vorangestellt. In der "Consolation" finden wir die Elemente gesammelt, die - insbesondere in der älteren Trauerpoesie - zu finden sind: Trauer um das verstorbene Kind, sein unbeschwertes Dasein bei Gott, der Gedanke, dass es dessen Wille war, dem sich zu beugen unser einziger Trost sein kann.
In der niederländischen Literatur ist Vondels "Kinder-lyck", das auf diesen Elementen aufbaut, berühmt. Hubert Corneliszoon Poot, der Dichter dieses Posts, ahmte dem älteren, bewunderten Dichter-Kollegen nach. Dieser konnte der trauernden Mutter nicht viel mehr bieten als eine theologische Belehrung. Jedoch gelang es Poot die traditionellen Elemente - Trauer, Trost und Ergebenheit - viel persönlicher für die Mutter (in Malherbes Poem noch abwesend) zum Ausdruck zu bringen. Im Übrigen: Vondel, zu seiner Zeit, konnte gar nicht anders, eine andere Herangehensweise wäre völlig undenkbar gewesen. Persönlich hatte er Grund genug zu trauern.
Die poetische Haltung in den Kinder-Trauergedichten hat sich im Laufe der Zeit ziemlich geändert, wie man in diesem Blog sehen kann: Der schwergeprüfte De Génestet reagierte mit einem sardonischen Spruch, Elsschot wütend und aufständisch, van Teylingen mit trauriger Fröhlichkeit.
Die Nachfolge von Vondel und den anderen Großen des "goldenen Jahrhunderts" hatte einen ganz einfachen Grund: Poot war Bauer, ein wirklicher Bauer, der hinter dem Pflug auf der Scholle seinen Lebensunterhalt verdiente in Abtswoude, einem Dorf nahe der Stadt Delft. Als Kind wurde seine Begabung durchaus erkannt, aber zuerst kam die Arbeit auf dem Lande. Seine Bildung war die Dorfschule, mehr nicht. Seine bäuerliche Sprechweise fiel den Zeitgenossen sogar auf. Fremdsprachen kannte er nicht, geschweige denn Latein, so dass er sich nur an seinen niederländischen Vorgängern ausrichten konnte, von denen er erstaunlich viel lernte. Dabei entwickelte er leider eine Neigung, quasi als Kompensierung für die fehlende Bildung, zur Überfrachtung seiner Gedichte mit sprachlicher Kunstfertigkeit und klassischer Mythologie. Es gelang ihm trotzdem manchmal einen persönlichen Ton zu finden, etwas Neues für ein Publikum, das von der Dichtkunst sowieso eine gute Prise klassischer Mythologie erwartete. 1716 veröffentlichte Poot mit großem Erfolg den ersten Gedichtband und er wurde das Ziel einer Art Dichtertourismus, der das erstaunliche Phänomen eines dichtenden Ackermanns mit eigenen Augen anschauen wollte. Irregeführt durch den vielversprechenden Anfang zog Poot in die Stadt Delft, in der Hoffnung dort mit literarischen Aktivitäten seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Ohne Erfolg. Niedergeschlagen und alkoholkrank kehrte er zurück zum väterlichen Hof und heiratete nach langem Werben (denn er war nur ein Bauer!, der Standesunterschied!) seine geliebte Neeltje 't Hart. Wieder zurück in Delft fing er einen Tabakhandel an, aber folgte auch erneut dem Ruf der Dichtkunst, dieses Mal nicht ohne Erfolg. Es erschienen mehrere Bände, die guten Anklang fanden. Von seinen Verlegern wurde er entsprechend übers Ohr gehauen. Aber die Tätigkeit eines Tabakhändlers und Gelegenheitsdichters deprimierten ihn. Delft war (und ist) ein bemerkenswerter kleiner Ort. Der bekannteste seiner Bürger ist wohl Johannes Vermeer. Der Anatom de Graaf (der von den Ovarialfollikeln) wirkte dort, wie Antonie van Leeuwenhoek (der von der Mikroskopie). Poot's Lobgesang auf van Leeuwenhoek ist ein Beispiel einer solchen Gelegenheitsarbeit, und nicht einmal das schlechteste. Poot kannte van Leeuwenhoek auch persönlich und das Grabgedicht für van Leeuwenhoeks Grab in der Delfter alten Kirche stammt von ihm.

Wie eng die Beziehungen in der kleinen Stadt gewesen sind geht auch aus der Tatsache hervor, dass van Leeuwenhoek Vermeers Testamentsvollstrecker gewesen ist.
Johannes Vermeer,
Ansicht von Delft
Bildnis des Antonie van Leeuwenhoek
Bei aller Gelegenheitsarbeit gelangen ihm bis heute bekannte Werke, z.B. das immer noch ansprechende arkadische Gedicht (nach Horaz) "Akkerleven" (Bauernleben) mit der berühmten (und angesichts Poots eigenen Lebens wohl leicht parodistischen) Anfangszeile "Wie vergnüglich fließt das Leben des zufriedenen Landmanns hin..." .
Es war ein mühsames, von Verlegern und Nierensteinen geplagtes Dasein. Den Tod seines kleinen Töchterchens hat Poot nicht überwunden. Ein halbes Jahr nach seinem persönlichsten Gedicht ist er gestorben.
Auf den Tod meines Töchterchens
Jakoba trat mit Widerstreben
hinein ins böse Leben;
und hat sich schuldlos in den Tod geweint,
nicht war sie für die Welt gemeint.
Kaum zu leben angefangen,
ist sie wohl gern gegangen.
Die Mutter küsst' das liebe Wichtchen
auf ihr lebloses Gesichtchen.
Das kleine Seelchen, leicht und schlicht,
es hörte auf die Mutter nicht,
und, hastig aufgefahren,
ist's nun bei Gottes Scharen.
Dort spielt und lacht es schon
rund um den höchsten Thron;
und spannt die kleinen Schwingen,
befreit von ird'schen Dingen.
Blume von dreizehn Tagen,
dein Heil verbietet's uns zu klagen.
(Juli, 1733)
Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2023
Hubert Poot, Op de dood van mijn dochtertje
Poots Ansehen als Dichter hat mit der Zeit ziemlich gelitten. Kollege-Dichter De Schoolmeester hatte für ihn nicht mehr als folgendes lakonisches Epitaph übrig:
Hier ligt Poot
Hij is dood.
(Hier liegt Poot
Er ist tot.)